Interview: Unheilig
By Melanie P. & Maiya R.B.
Im Rahmen des am 16. März 2012 erscheinenden, neuen Unheilig-Albums "Lichter der Stadt" hat Metal Factory (MF) die Gelegenheit ergriffen, mit dem Graf zu sprechen. Das Interview entstand in Kooperation mit Melanie Plattner, einer Bekannten des Grafen, die sich zusammen mit Unheilig für den Verein "Herzenswünsche e.V." engagiert, einem Verein, der schwerkranken Kindern Herzenswünsche erfüllt. Melanie hat das Interview geführt und dem Graf dabei interessante Antworten entlockt. Aber lest selbst!

MF: Hallo lieber Graf! Wie geht es dir?

Graf: Mir geht es prima, danke! Na dann leg' mal los!

MF: Gut, hier kommt die erste Frage: Das Lied "An deiner Seite" ist zweifellos eines deiner emotionalsten Songs. Die Textpassage "Du kamst zu mir, vor jedem aller ersten Ton" lässt vermuten, dass es sich auch um einen vierbeinigen Freund handeln könnte. Kannst du dies bestätigen?

Graf: Nee. Das Lied "An deiner Seite" habe ich für einen guten Freund geschrieben, den ich schon mein Leben lang kannte. Aber man kann es natürlich schon darauf beziehen. Jeder Mensch soll für sich alleine entscheiden, aber das ist nicht diesbezüglich geschrieben worden, sondern für meinen Freund, den ich begleitet habe während der Kindheit und in Jugendtagen. Das ist einfach ein Mensch gewesen, der mir sehr viel bedeutet hat. Aber du könntest natürlich ohne weiteres das auf dein eigenes Leben beziehen. Es gibt sicher viele Menschen, die das auch auf ein Tier beziehen können, klar!

MF: Der Verein "Herzenswünsche e.V." darf seit zwei Jahren auf deine tatkräftige und selbstlose Unterstützung zählen. Welches besonders schöne Erlebnis verbindest du mit dem Verein?

Graf: Also da gibt es eine ganze Menge! Es ist ja eigentlich schon länger als zwei Jahre her. "Herzenswünsche" kam ja 2009, wo ich den Wunsch hatte, Gutes zu tun und auch karitativ tätig zu sein. Also das ist mir ganz wichtig, dass die Menschen wissen, dass es schon 2009 war, bevor der grosse Erfolg kam. "Herzenswünsche" hat uns auch das Vertrauen geschenkt, mit uns was zu machen, obwohl wir total unbekannt waren in der Öffentlichkeit. Da gibt es eine Erinnerung, als wir in der Uniklinik Münster waren und ein Pianokonzert gespielt haben. Da gab es ein Kind, das während des Konzertes im Krankenbett lag und so hineingeschoben wurde. Da habe ich noch gedacht "Oje, die Arme! Ob die das alles überhaupt wahrnimmt, was da gerade passiert?" Auf einer anderen Tour in Gronau kam Backstage so ein junges Mädel rein, und das war das Kind, das damals in der Uniklinik im Bett lag. Sie stand vor mir und sagte zu mir "Kannst du dich noch an mich erinnern? Ich bin diejenige, die in dem Krankenbett lag. Mir ging es damals ganz schlecht und ich wollte mich ganz herzlich dafür bei dir bedanken, dass du dieses Konzert gemacht hast. Mir geht es jetzt wieder richtig gut!" Das war sooo schön! Das war so toll! Ich weiss noch genau, wie schwer das war, in der Uniklinik dieses Konzert zu spielen, es war alles so traurig und ergreifend. Aber wenn du ein oder zwei Jahre später ein so positives Erlebnis hast, dann weisst du, dass es richtig war. Dann weisst du, dass es gut ist, dass man das tut, auch wenn es schwer fiel.

MF: Seit 2010 gibst du Benefizkonzerte in kleinem Rahmen zu Gunsten des Vereins Herzenswuensche e.V.. Sind eines oder mehrere solcher Konzerte auch für dieses Jahr geplant?

Graf: Ja, es wird definitiv wieder etwas geben. Wir sind froh, dass wir mit der Firma XXXL jemanden gefunden haben, der die ganze Location zur Verfügung stellt, der die Bühne aufstellt und aus Eigeninitiative mitmacht. Wir werden ganz sicher etwas machen, natürlich auch für "Herzenswünsche". Das Jahr hat gerade erst angefangen, wir sind noch am planen. Im Augenblick machen wir zwischen Februar und April erst mal Promotion für das neue Album. Mitte Jahr werden wir spätestens wieder solche Sachen für "Herzenswünsche" machen, vielleicht auch Pianokonzerte in einem schönen Rahmen. Wir sind dabei, es zu planen, aber es steht noch nicht zu 100% fest.

MF: Vergangene Lieder sind deinen Emotionen und ganz persönlichen Erlebnissen entsprungen. Dürfen sich deine Fans und solche die es noch werden, in den Zeilen der neuen Lieder auf Einblicke in die Gefühlswelt des Grafen freuen?

Graf: Bei mir war es immer so, dass das Leben mich inspiriert hat. Das kann eine Situation sein, die ich selber erlebt habe, wie zum Beispiel diese Konzerte in den Kliniken, oder das können auch Sachen sein, die mir Menschen erzählt haben. Wenn ich eine Begegnung mit einem Menschen hatte, der mich berührt hat, und ich möchte das verarbeiten, dann kann auch das ein Inspirationsgrund sein. Das hat es in der Vergangenheit mit Sicherheit auch schon gegeben, aber das sind dann meistens so kleine Geheimnisse, die man mit sich rumträgt. Inspiration ist alles!

MF: Unheilig, die Sprache des Herzen, die Stimme der Seele. Deine gefühlvolle Musik hilft vielen Menschen, Trauer und Schicksalsschläge besser zu bewältigen. Sicherlich hast du schon viele Danksagungen bekommen. Kannst du dich an eine besonders rührende Danksagung erinnern?

Graf: Ich kriege viele Briefe und E-Mails, wo sich die Menschen bedanken. Wir haben auch Hospizbesuche gemacht, die nicht in die Öffentlichkeit gerieten, und da kamen hinterher schon viele Danksagungen dafür, dass ich vorbeigefahren bin und da war. Wenn sich die Menschen bei dir bedanken für etwas, das du als selbstverständlich ansiehst, ist das einfach immer etwas, wo du dich darüber freust. Du hast es ja selber erlebt, du hast ja auch Geld gesammelt. Du bist hunderte oder tausende Kilometer gefahren, um einer Klinik gesammeltes Geld oder Spielzeug zu bringen. Es ist ein schöner Augenblick und eine schöne Bestätigung, wenn sich die Menschen dafür bedanken. Ich erlebe das oft per E-Mail, aber ich würde sagen, das schönste Dankeschön kam von dem Mädchen aus der Uniklinik Münster. Das sind alles sehr emotionale Augenblicke und ich will eigentlich keinen davon hervorheben, weil sie alle toll sind.

MF: Kannst du dir vorstellen, eines Tages ein Konzert zu geben, wo du ausschliesslich deine alten Lieder, also Songs vor der Ära der GROSSEN FREIHEIT, singst?

Graf: Die "Grosse Freiheit" wird immer ein Teil von dem sein, was wir bei unseren Konzerten machen. "Grosse Freiheit" ist für mich ein Teil von Unheilig, wie jedes andere Album auch. Nur Titel von den alten Alben würde ich nicht spielen wollen. Da würden mir Lieder fehlen, die für mich persönlich emotional sehr wichtig sind. "Unter deiner Flagge", "Geboren um zu leben" oder auch "Für immer". Für mich gehören alle Lieder zu Unheilig. Nur weil das ein erfolgreicheres Album ist, sind die Lieder in meinen Augen nicht schlechter, ich mache da keinen Unterschied. Ich will gerne, dass alle Leute zu unseren Konzerten kommen, und dann sollen auch die kommen, die "Grosse Freiheit" gut finden. Ich will da keine Zweiklassen-Gesellschaft bauen, dass ich jetzt nur Konzerte mache für die älteren Fans. Wir spielen ja jetzt diese drei Clubshows und da werden auch alte Lieder gespielt, aber auch von "Grosse Freiheit" und "Lichter der Stadt" und es ist für alle da! Unheilig-Konzerte sind für alle da! Es gibt eine ganze Menge Leute, die den Weg immer noch mitgehen mit Unheilig, auch gerade die, die aus der Gothic-Szene kommen. Die ersten Reihen sind immer noch schwarz, und bei Unheilig-Konzerten verstehen sich alle, ob sie schwarz, rot oder gelb tragen, das ist egal. Letzten Endes geht es um die Musik und darum, dass man da eine gute Zeit hat, und da soll für alle Leute etwas dabei sein. Ich würde nie ein Konzert machen, wo ich die Leute von Vornherein eingrenze. Ich mache Musik für alle, und da kann auch jeder kommen.

MF: Du hast Köln für den Videodreh zum "Lichter der Stadt"-Trailer gewählt. Hast du einen besonderen Bezug zu dieser Stadt?

Graf: Ich komme aus Aachen, da ist Köln für mich einen Steinwurf weit weg. Köln ist für mich eine kleine Heimat, da ich mich da auskenne. Ich spiele kein Konzert in meiner Heimatstadt, da ich mein Privatleben total aus der Öffentlichkeit raushalte, und da ist Köln ganz klar die erste Wahl. Die haben ein schönes, grosses Stadion, das ist super. Das ist die grösste Location, wo wir je alleine gespielt haben. Das andere war beim Sommernachtstraum München, das war aber kein eigenes Unheilig-Konzert. Für mich ist es die Krönung der Tour, diese Grösse erleben und da spielen zu dürfen. Das ist eine riesige Ehre, wenn man in so einem Stadion spielen kann und die Möglichkeit hat, allein vor so vielen Leuten aufzutreten. Ich glaube das wird ein Augenblick sein, den ich mein Leben lang nicht mehr vergesse, weil es etwas ganz Besonderes ist.

MF: Wie schaffst du es, Familienleben und musikalische Karriere zu vereinen?

Graf: Das kriege ich ganz gut hin, weil ich mein Familienleben nicht in die Öffentlichkeit trage. Ich habe das grosse Glück, dass ich schon seit zwölf Jahren Musik mache und der Erfolg erst nach zehn Jahren eingetreten ist. So konnte ich mich musikalisch und privat organisieren. Im Grunde genommen ist alles in der letzten Jahren mitgewachsen. So konnte ich den grossen Erfolg 2010 erst mal für mich verarbeiten, weil ich eine Familie habe, die komplett hinter mir steht, die mir schon durch gute und schlechte Zeiten gefolgt ist, und die mich auch immer jahrelang unterstützt. Das ist für mich extrem wichtig, so kann man das dann auch miteinander vereinbaren. Wir fahren immer nach Hause, wenn es geht, um bei der Familie zu sein. Ich würde sogar sagen, dass wir regelrecht vor After Show-Partys flüchten, damit wir direkt nach Hause können. Wir sind jetzt in die Schweiz gereist und ich bin sogar geflogen, obwohl ich ja Fliegen hasse, damit wir nicht diese lange Anfahrt und Rückfahrt haben, um halt noch einen Tag bei der Familie zu sein. Wenn man das so macht, dann kriegt man das ganz gut unter einen Hut. Das allerwichtigste ist immer, nichts aus dem Privatleben zu erzählen, das geht die Presse nichts an.

MF: Woraus besteht das Erfolgsrezept für Unheilig?

Graf: Keine Ahnung! Weiss ich nicht! Ich glaube ich habe das ganz grosse Glück, dass sich viele Leute in den Liedern wiederfinden. Aber es gibt kein Rezept und keine Anleitung, wie man das macht. Wir machen alle das, was wir gerne tun, mit viel Herzblut und einer Menge Liebe. Und bei der ganzen Sache kommt Musik raus, die dann die Menschen auf irgend eine Art und Weise berührt. Ich glaube auch, wenn du etwas gerne tust und mit Liebe tust, dann ist es nichts Falsches, und dann kriegst du auch irgendwann den Erfolg. Du musst einfach nur fleissig sein. Ich will damit sagen, es gibt kein Erfolgsrezept. Da muss man die Menschen selber fragen, die sich in der Musik wiederfinden, was für sie daran so besonders ist. Erfolg hat man nur, wenn sich die Menschen in der Musik wiederfinden.

MF: Welchen Rat gibst du jungen Menschen mit auf den Weg, die die musikalische Laufbahn einschlagen möchten?

Graf: Ich würde auf jeden Fall immer versuchen, das zu machen, was man gerne macht. Die Musik machen, die man gerne macht, und was ganz wichtig ist: dass man selber Lieder schreibt! Das ist der schlüssel, wenn du als Musiker irgendwann mal Erfolg haben willst. Man muss die Lieder selber schreiben und eine Aussage haben als Künstler. Man muss sich hinsetzen und seine eigenen Emotionen in Musik umwandeln.

MF: Was wünscht du dir für deine Zukunft und für die Zukunft von Unheilig?

Graf: Ich wünsche mir, dass ich weiterhin gesund bleibe und weiterhin die Möglichkeit habe, Musik zu machen. Alles andere ergibt sich von alleine. Was da kommt, das kommt halt. Wenn man gesund ist, dann steht einem die Welt offen. Ich wünsche mir eigentlich nur, dass ich gesund bleibe und mit Unheilig noch viele Lieder schreiben kann.

MF: Welche Botschaft möchtest du deinen Schweizer Fans mit auf den Weg geben?

Graf: Ich freue mich auf euch am 15.7. in Locarno! Wir sind da beim Festival und ich freue mich, wenn ihr alle kommt! Wir werden eine gute Zeit haben und gemeinsam singen, weinen, lachen und einfach mal den Alltag für die Zeit des Konzertes vergessen. Und danach natürlich mit einem Lächeln nach Hause gehen!