Seit 1996 (das 30-jährige Jubiläum lässt grüssen) schippern die Hanseaten mit viel Schmackes durch die harten Wellen der Musikindustrie. Dabei begann für Bandleader Piet Sielck alles bei Gentry, der Vorläuferband von Helloween, wo er zusammen mit Kai Hansen (Gamma Ray, Helloween) musizierte. Piet zog es danach zuerst ins Lager der Tontechniker und Produzenten, bevor er Iron Savior gründete. Mit bislang zwölf Studio-Alben befand sich der singende Gitarrist immer im Fahrwasser von Judas Priest, sowie den alten Helloween und mischte stetig Cover-Versionen in seine Werke ein. Mit «Neon Knights» (Black Sabbath), «Delivering The Goods/Starbreaker/Heading Out To The Highway» (Judas Priest) oder «Sin City» (AC/DC), bediente er den Metal-Markt, während Covers wie «Dance With Somebody» (Mando Diao), «Crazy» (Seal) und «Sweet Dreams (Are Made Of This)» (Eurythmics) aus dem Pop-Bereich stammten.
Nun steht mit «Awesome Anthems Of The Galaxy» ein reines Cover-Album auf der Matte. Eines das sich, mit Ausnahme von zwei Rock-Songs, nur mit Pop-Liedern befasst und ein richtig cooles Bild abgibt. Wie es zu diesem Werk gekommen ist und was die weiteren Pläne von Piet sind, erzählte der Deutsche im folgenden Interview.
MF: Wie kam es zu diesem Cover-Album?
Piet: Die Idee trage ich schon lange mit mir herum. Vom der Stunde eins an und mit dem Debüt-Album haben wir immer wieder Covers veröffentlicht. Die Grundidee zum neuen Werk stammt tatsächlich aus 2002 mit «Condition Red». Damals mit «Crazy» von Seal, was für uns ein grosser Hit war. Diese Nummer haben wir "metallisiert", was überaus gut funktionierte und bei den Fans sehr gut angekommen ist. Die Fan-Anfragen häuften sich, ob wir nicht nochmals eine solche Nummer aufnehmen wollen.
So streuten wir immer wieder Lieder von Mando Diao und den Eurythmics ein. Als Japan- Bonustrack veröffentlichten wir auch «Run To You» von Bryan Adams. Der Wunsch nach einem kompletten Cover-Album wurde immer wieder an uns herangetragen. Eigentlich fand ich dies immer eine blöde Idee, liess mich letztendlich aber darauf ein (lacht). Ich bin total begeistert und stolz mit dem Endresultat. Wenn ich so ein Ding in Angriff nehme, will ich es auch richtig machen.
MF: Was war dir wichtig, als ihr die Lieder eingespielt habt? Möglichst nahe am Original zu sein oder das Ganze in ein Iron Savior Metal-Gewand zu packen?
Piet: Im Geiste wollte ich aus diesen Tracks Iron Savior Songs machen. So, als hätte ich dieses Lied geschrieben. Vielleicht mit Phil Collins zusammen (lacht). Trotzdem versuchte ich immer das Original so zu belassen, wie die jeweiligen Künstler es interpretierten. Diesen Spirit und die Vibes des Originals wollte ich unbedingt sein lassen, habe sie berücksichtigt und nicht zerstören wollen. Es ist mir wichtig, dass man den Song wiedererkennt. Verändert man einen Track mit wuchtigen Doublebass-Drums und zwängt das Ganze in ein hartes Metall-Gewand rein, kann das ziemlich in die Hosen gehen. Das war nicht mein Ziel. Ich versuchte mich auf das Lied, wie es ist, einzustellen und dabei die Metallisierung so vorzunehmen, dass das Original nicht vergewaltigt wird.
"...Ich bin ein Kind der Achtziger..."
MF: Sind diese Tracks auch deine heimliche Liebe, neben den Metal-Songs?
Piet: Offensichtlich (grinst). Ich hatte keine Präferenzen, und es musste nicht alles aus den Achtzigern stammen. Letztendlich kommen die Tracks witzigerweise dennoch fast alle aus diesem Jahrzehnt. Zwei bis drei Ausflüge in die Siebziger sind dabei. Ich bin ein Kind der Achtziger und habe die Dinger entsprechend im Ohr. Das hat sicherlich auch bewusst und unbewusst zur Auswahl der Songs beigetragen. Einige wurden dabei ganz gezielt ausgewählt. Natürlich erhebt dieses Album auch den Anspruch, möglichst oft auf Spotify gestreamt zu werden (lacht). Da wäre man schön blöd, wenn man sich die unbekannteren Tracks dieser Interpreten ausgesucht hätte (grinst).
Ich liess mich durch die "Spotify Top 100" inspirieren (lacht). Da kommen logischerweise die Tracks von a-ha («Take On Me») oder Alphaville («Forever Young») ans Tageslicht. Mike And The Mechanics («All I Need Is A Miracle») eher nicht, aber den Track fand ich in den Achtzigern einfach gigantisch. Den musste ich machen. Somit ergab sich eine Mischung aus Liedern, die man machen musste und ich machen wollte. Pia Zadora mit «When The Rain Begins To Fall», der Track ging bei mir völlig in Vergessenheit. Letztes Jahr flog ich mit meiner Frau nach Spanien. Morgens um sechs Uhr stiegen wir in das Taxi ein, und im Radio läuft dieser Track. Da ich mein Recording Equipment dabeihatte, nahm ich das Lied gleich auf (lacht).
MF: Gab es auch Songs, die sich nicht umsetzen liessen?
Piet: Eigentlich nicht. Ich dachte über Lieder von den Pretenders oder «Walking On Sunshine» von Katarina And The Waves nach. Die sind tatsächlich ein bisschen schwieriger zu metallisieren. Die sind zu fröhlich (lacht). Würde man das auf Metal umbiegen wollen, entsteht daraus eher eine Punk-Version (lacht). Das kann sicherlich witzig sein, aber das wollte ich nicht.
"...Es hatte keine Eier und den 16-jährigen Piet überhaupt nicht interessiert..."
MF: Mit «Separate Ways» (Journey) und «Since You Been Gone» (Rainbow) habt ihr den Pop- Bereich verlassen und zwei Hard Rock Tracks eingebaut. Wie kam es dazu?
Piet: Diese Beiden waren genau das, was wir nicht machen wollten. Diese eher rockigere Nummern zu covern, das taten wir auf früheren Alben schon. Es gibt eine witzige Story zu Journey. Natürlich kenne ich die Band und ihre grössten Hits, aber den Song kannte ich tatsächlich nicht. Das kann man nicht glauben, ist aber so (grinst). Das liegt daran, als ich fünfzehn oder sechzehn Jahre jung war und Journey zur ganz grossen Nummer aufstiegen, nahm ich den Namen zur Kenntnis, hörte mir zu der Zeit aber Judas Priest, Saxon, Motörhead und Iron Maiden an. Journey verkörperten Hard Rock mit Keyboards, so Pop-Rock, und das hörte ich mir nicht an.
Das war mir viel zu lasch. Es hatte keine Eier und den 16-jährigen Piet überhaupt nicht interessiert. Ich kam erst viel später zu Journey. «Separate Ways» ging völlig an mir vorbei. Das ist aber ein geiler Song! Als ich mich mit der Band auseinandersetzte, wusste ich, das ist ein schicker Track, den mache ich (grinst). Rainbow! Meine Familie und ich sind grosse Fans von den «Guardians Of The Galaxy». Diese Nummer ist ein Teil des Soundtracks. Somit war diese Nummer für mich gesetzt (grinst). Ausserdem sagt man mir nach, dass meine Stimme ähnlich wie diejenige von Graham Bonnet (ehemaliger Sänger von Rainbow) klingt.
MF: Wie entstand der Album-Titel «Awesome Anthems Of The Galaxy»?
Piet: Das hängt mit unserer kleinen Affinität hin zu den «Guardians Of The Galaxy» zusammen. Die Idee mit diesem Mixtape gefiel mir, so stand der Titel relativ schnell. Der hat sich aus diesem Konzept heraus für mich ergeben. Ich bin kein Grafik-Designer, aber ich kann das ein bisschen und habe diese Idee entsprechend umgesetzt.
MF: Genau, kultig das Cover mit der Musikkassette. Wie kam es dazu, bist du einer dieser Tape-Fans von früher…
Piet: …natürlich! Man stellte sich früher diese Musikkassetten zusammen. Seine eigenen "Best- Of". Sogar vom Radio hat man seine Zusammenschnitte hergestellt. Einmal pro Woche eine Stunde lang gab es diese eine Sendung, da musstest du mit deinem Tape warten, bis der entsprechende Song hoffentlich gespielt wurde und die Werbung oder das Gequatsche des Moderators den Track nicht zu früh beenden liess (lacht). Man hat förmlich gebetet, dass man den kompletten Track aufnehmen konnte. Manchmal hat es geklappt oder eben nicht (grinst).
Oder es gab diese Mixtapes von den eigenen Vinyl-Scheiben und man liess sich das neue Album einer Band vom Kumpel auf ein Tape aufnehmen, weil die Kohle für den Kauf der Platte nicht vorhanden war. Der Guardian läuft immer mit seinem Walkman rum und hört sich seine Mixtapes an. Weil wir grosse «Guardian Of The Galaxy» Fans sind, weisst du jetzt, woher die Idee zum Cover stammt (grinst). Das war der Vater des Gedanken.
MF: Ich erinnere mich genau an diese Geschichten, wenn dann keine Werbung oder der Moderator die Aufnahme verhunzte, war es sicher Mam die ins Zimmer kam und brüllte: "Essen ist fertig!".
Piet (lachend): Ja genau!
MF: Vermisst du die Zeiten der Musikkassetten?
Piet: Keine Ahnung, wieso die Labels gerade wieder Musikkassetten produzieren? Wahrscheinlich weil die Verkaufszahlen des Vinyls rückläufig sind. Ich habe nix gegen Tapes, die sind super, aber die meisten Leute haben kein Abspielgerät mehr. Ich besitze noch eines von meinen Kindern (lacht), ein Fisher Price. Mein Akai Tape ist weg. Ich würde es mir auch nicht wieder besorgen. Mit meinem Plattenspieler ist meine Analogwelt befriedigt. Eine Kassette einmal in der Sonne liegenlassen, das wars. Die klingt nicht mehr und du kannst sie wegschmeissen. Deswegen kaufte man sich das vom Kumpel auf Tape gezogene Album auch, wenn man es so geil fand. Da reichte die Kopie auf Kassette nicht mehr. Die kann kaputt gehen, das Album nicht.
"...Die Musik kommt, wie der Strom, aus der Steckdose..."
MF: Siehst du heute trotzdem auch Vorteile mit Spotify und YouTube?
Piet: Was heisst Vorteile? Das ist ein zweischneidiges Schwert. Es ist wie mit allen Dingen im Leben. Man kann rumjammern und sagen, das ist alles Scheisse, früher war alles besser. Das mag auf eine bestimmte Art und Weise auch so sein. Auf der anderen Seite eben auch nicht. Es war klar, dass es darauf hinausläuft. Das habe ich den Leuten in den Interviews schon vor zwanzig Jahren gesagt. Die Musik kommt irgendwann, wie der Strom, aus der Steckdose. Das kann man Scheisse finden oder man hat alles was man will auf Abruf bereit. Persönlich finde ich das geil.
Natürlich ist dies alles aus Künstlersicht scheisse. Spotify zahlt nur einen Fliegenschiss. Auf der anderen Seite kann ich meinen Kram bei Spotify einfach runternehmen. Das wird sicherlich auch funktionieren, aber damit bestrafe ich all die Leute, die es sich dort anhören wollen. Es gibt immer Pros und Cons. Für mich ist es nicht die schöne, neue Welt, aber sie ist da. Man muss damit umgehen können.
MF: Wie seid ihr zum neuen Label "Perception" gekommen?
Piet: Weil "AFM" seine Türen geschlossen hat. Dieses Label existiert nicht mehr. Sie sind vor einiger Zeit von "Believe" aufgekauft worden. Der Todesstoss für "AFM" war, dass sie keine physischen Tonträger mehr produzieren wollten. Alles wird nur noch digital veröffentlicht. Das funktioniert im Metal-Bereich nicht. Die Leute wollen CDs oder Vinyl kaufen. Deswegen sind alle Bands bei "AFM" weg. Ich bin bei "Reigning Phoenix", beziehungsweise "Perception" gelandet, weil da zwei Personen sind, mit denen ich seit Jahren bei "AFM" zusammengearbeitet habe. Für mich ist Kontinuität wichtig. Darum bin ich quasi mitgegangen.
MF: Was planst du für die Zukunft?
Piet: Es könnte vorkommen, dass ich ein oder zwei Songs von «Awesome Anthems Of The Galaxy» ins Live-Set integriere. Da gibt es sicherlich Nummern, die sich anbieten würden. Spielt man keine vollen Headliner-Gigs, sondern Festivals oder Support Shows, dann möchte man bei einer Stunde Spielzeit ungern eine Cover-Version einbauen. «Awesome Anthems Of The Galaxy» steht ein bisschen für sich. Damit will ich das Werk nicht abwerten. Es gehört als Teil zu dreissig Jahren Iron Savior, zu diesem Jubiläum. Wir werden 2026 viel spielen. Das neue Studio-Album soll im Herbst (06. November 2026) erscheinen. Zeitgleich beginnt die Tour, wieder zusammen mit Mystic Prophecy. Das hat beim letzten Mal super funktioniert.
MF: Dann wünsche ich dir schon jetzt viel Spass, sage Danke für das Interview und weiterhin alles Gute.
Piet: Danke dir und sehr gerne mein Lieber.