Birth Control live zu erleben ist, als würde man kopfüber in eine Zeitmaschine stürzen, die schwach nach abgestandenem Bier, billigem Haschisch und verfaulten Matratzen in vergessenen Teenager-Bunkern riecht. Damals, als wir vierzehn oder achtzehn waren, träumten wir gross, hörten endlos Hippie-Musik und starrten stundenlang auf das Albumcover mit der üppigen nackten Frau und dem kleinen Aufziehmann, irgendwo zwischen Provokation und Absurdität eingefroren.
Dieses Bild gehört natürlich zu «Hoodoo Man» - einem Kunstwerk, das so ikonisch ist, dass es die Haltung von Birth Control in den frühen 70er-Jahren perfekt einfing: provokativ, freakig, verspielt und völlig unbeeindruckt von Regeln. Es sorgte für Kontroversen und Zensur und wurde dadurch unsterblich.
Schnellvorlauf ins Jahr 2026: Es passt da natürlich umso mehr dass Birth Control in der so kultigen "wydeKANTINE" in Dornach auftreten. Das Publikum ist erwachsen geworden. Aus Teenagern sind Menschen in ihren Fünfzigern, Sechzigern und darüber hinaus geworden. Nach dem wie immer fantastischen und liebevoll zubereiteten Abendessen - ein Luxus, der nur an diesem Veranstaltungsort möglich ist - rücken viele leise ihre Stühle näher an die Bühne, denn neunzig Minuten Stehen sind heutzutage eine Herausforderung.
Erwähnt werden muss auch der sichtlich stolze Vater im Birth Control T-Shirt, der seinen rund zehnjährigen Sohn mitgebracht hatte. Dem Nachwuchs schien es offensichtlich hervorragend zu gefallen - und ich konnte mir des Eindrucks nicht erwehren, dass hier jemand in Sachen musikalischer Erziehung wirklich alles richtig gemacht hat.
Aber hier ist die Sache: Nichts davon fühlt sich ermüdend an. Nicht eine Sekunde lang. Die Band betritt grinsend die Bühne, entspannt und sichtlich glücklich, noch immer hier zu sein, und offensichtlich erfreut darüber, dass sich die Leute noch immer für sie interessieren. Sie strahlen Charisma in Hülle und Fülle aus, eine ansteckende Positivität, die das Alter irrelevant macht. Ich habe Birth Control vor zwei Jahren fast zufällig im Z7 entdeckt, und das Konzert gehört seither zu den Höhepunkten des Jahres. Sie dieses Mal zu verpassen, kam nicht infrage. Und wieder einmal: keine Enttäuschung. Nicht im Geringsten.
Wenn es so etwas wie mühelose Coolness an der Gitarre gibt, dann verkörpert Martin "Ludi" Ettrich sie. Sein Spiel ist voller Überraschungen: unerwartete Licks, verspielte Effekte und Melodien, die aus dem Nichts auftauchen und allen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Und dann ist da noch die Talkbox, dieses unverwechselbare Instrument, das durch «Frampton Comes Alive» berühmt wurde. In Ettrichs Händen ist sie keine Spielerei, sondern eine natürliche Erweiterung seiner Stimme und Gitarre. Mit geschlossenen Augen, einem breiten Lächeln im Gesicht und völlig in die Musik versunken - so sieht es aus, wenn man wirklich bei der Sache ist.
An der Front steht Peter Föller, einer dieser seltenen, wirklich ikonischen Frontmänner. Seine Stimme, seidig, geschmeidig und mühelos über komplexen Arrangements schwebend, verleiht dem progressiven Material genau die nötige Weichheit. Er bewegt sich immer noch wie ein Panther. Ein grauer vielleicht. Aber unverkennbar eine Katze. Zwischen den Songs erzählt er Geschichten, scherzt mit der Band und irgendwann bitten sie gemeinsam um eine Pause in der Mitte des Sets - nicht, weil sie müde sind, sondern weil sie etwas zu trinken brauchen. Wir stimmen alle gerne zu.
An den Tasten und der Orgel ist Sascha Kühn schwer einzuordnen. Zauberer oder Techniker? Wahrscheinlich beides. Ihm dabei zuzusehen, wie er Klänge in Echtzeit formt - stimmen, feilen, an Knöpfen drehen, bis alles genau richtig ist - ist eine Freude. Es sind nicht nur die Melodien oder Effekte, sondern der tiefe Dialog zwischen Hammond-Orgel und E-Gitarre, der den Sound der Band ausmacht und einen in stille Ehrfurcht versetzt. Hannes Vesper beweist, dass der Bass niemals "nur Rhythmus" ist. Sein Spiel fügt Melodie, Spannung und Tiefe hinzu und lässt das Publikum an einer Stelle kollektiv den Mund offen stehen.
Und dann ist da noch Manni von Bohr. Er hat nicht nur eine Erfindung gemacht (Spielen mit zwei Bassdrums im Rock-Kontext etablierte und damit Kraft, Dynamik und progressive Freiheit neu kombinierte.), sondern eine musikalische Sprache geschaffen. Sein schweres, elastisches und erzählerisches Schlagzeugspiel hat Ende der 70er Jahre die Identität von Birth Control geprägt und tut dies bis heute. Unter Musikern gilt er als Inbegriff eines echten Band-Schlagzeugers, der das gesamte Ensemble aufwertet.
Als sechstes "Mitglied" figurieren schliesslich die Songs selbst. Neues Material fliesst ganz natürlich in die Klassiker ein und diese bleiben im wahrsten Sinne des Wortes zeitlos. Hier beantworten Birth Control leise die Frage, ob sie auch 2026 noch relevant sind. Auf jeden Fall!
Mit der 2022 Scheibe «Open Up» überraschte die Band sogar sich selbst, indem sie kurzzeitig in die deutschen Album-Charts einstieg - eine seltene Leistung für eine erfahrene Prog-Band. Noch wichtiger ist jedoch, dass diese Songs auf der Bühne leben und atmen. Sie sind keine Museums-Stücke. Sie sind freakig, frei, heavy, aber nicht aggressiv, komplex, aber nicht arrogant. Es geht nicht darum, lauter zu schreien oder härter zu schlagen. Es geht um Freiheit - dieselbe Freiheit, die wir als junge Hippies empfanden, nur mit älteren Körpern und weiseren Lächeln.
Nach neunzig Minuten endet das Set. Wir alle wissen, dass sie noch viel mehr zu sagen haben. Selbst die Ältesten unter uns erheben sich zu Standing Ovations. Danach erklärt mir "Ludi", dass sie die Setliste in letzter Sekunde geändert und einen anderen Opener hinzugefügt haben. Eine weitere Erinnerung daran, dass diese Band lebendig, präsent und verspielt ist. Eines ist sicher: Wenn Birth Control wieder in der Schweiz spielen, werde ich dabei sein. Jedes Mal. Sie sind einfach zu gut, und jedes ihrer Konzerte bleibt ein echtes Highlight.
Setlist: «She's Got Nothing On You» - «The Work Is Done» - «Right Place, Wrong Time» «Plastic People» - «Open Sesame» - «Titanic» - «These Are The Days» - «Trial Trip» -«Wrestling Mama» - «I Don't Mind» - «Drum Solo» - «Lost In The Sea» - «Gamma Ray» -- «Wasting My Time»