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Dienstag, 27 Januar 2026 21:16

Epica – Amaranthe – Charlotte Wessels in Zürich-Oerlikon Empfehlung

27. Januar 2026, Zürich-Oerlikon - Halle 622
Text by Oliver H.  -  Pics by Hans-Ruedi W.

Die richtige Band-Kombination für eine Tour zu finden ist Kunst. Die Geschmäcker der Leute sind unterschiedlich; was beim einen gefällt, fällt beim anderen durch. Wenn es sich dabei um eine Co-Headliner-Tour handelt, wird die Angelegenheit noch delikater. Obwohl Epica und Amaranthe in der Schweiz immer beliebter werden, gelingt es ihnen nicht allein, grosse Stadien zu füllen. Deshalb nahm man beide zusammen und hoffte auf genügend Überschneidungen zwischen den jeweiligen Fangemeinden. Ob die Rechnung aufging? Sicher ist die Tatsache, dass Fans der Headliner wahrscheinlich auch Fans von Delain sein könnten. Daher zeugt es beinahe von einem Geniestreich, Charlotte Wessels, Delains ehemalige Leadsängerin, den Auftakt zu überlassen, zumal ihre Begleitband vollumfänglich aus denselben Musikern besteht (abgesehen von Martijn Westerholt). Nun, auf dem Papier jedenfalls ein Abend, der Abwechslung und Stimmung verspricht.

Charlotte Wessels
Das Publikum war etwas irritiert, als mit fünf Minuten Verspätung das Licht ausging und weitere fünf Minuten nichts passierte. Plötzlich, mit einem Donnerschlag, schien die Technik wieder zu funktionieren und das Konzert begann. Mittendrin statt nur dabei war die Devise, und die Musiker Joey Marin de Boer (d), Otto Schimmelpenninck van der Oije (b), Timo Somers (g) und Nina van Beelen (k) legten druckvoll los. Charlotte Wessels stand in der Mitte der Bühne, auf einer erhöhten runden Plattform, leicht verdeckt, von einem mit Plastiksonnenblumen verzierten Mikrofonständer. Ihre Stimme wusste vom ersten Ton an zu begeistern, was grundsätzlich nicht erstaunlich ist, aber seit ihrer Solo-Karriere scheint sie noch mehr an Reife gewonnen zu haben. Durch die Verspätung war der Gig eine straffe und disziplinierte Angelegenheit, was Wessels aber dennoch nicht davon abhielt, hin und wieder mit dem Publikum zu plaudern sowie zu scherzen.

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Schnell wurde offensichtlich, dass sie bewusst "Delain-sches" Songmaterial vermied, sich stattdessen auf ihr erstes und drittes Soloalbum konzentrierte und auf das, was noch kommen wird. Wenn die Sängerin nicht auf ihrem Podest stand, befand sie sich bei einem Musiker-Kollegen oder hinter der Bühne, um einzelnen Bandmitgliedern das Rampenlicht zu überlassen. Besonders Gitarrist Timo Somers trat für seine Soli ins Zentrum und Nina van Beelen beeindruckte am Keyboard. Die beiden neuen Tracks «Tempest» und «After Us, The Flood» beeindruckten mit einer besonderen Schwere, und beim Rausschmeisser «The Exorcism» verlor sich Wessels vollends im Moment, brüllte und geisselte sich selbst auf dem Boden, während die Musik über sie hinwegfloss. Herausragend war ebenfalls die körperliche Leistung des Drummers, der auf einige Tricks zurückgreifen musste, da sein starker Fuss verletzt war. Zum Schluss-Applaus erschien er sichtlich gezeichnet mit Krücken auf der Bühne. Ein beeindruckendes und bewegendes Set, das Lust auf mehr machte.

Setliste: «Chasing Sunsets» - «Dopamine» - «The Crying Room» - «Soft Revolution» - «Tempest» - «After Us, The Flood» - «The Exorcism» - «Breathe (vom Band)»

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Epica
Danach folgten Epica. Die niederländische Band um Simone Simons hatte für diesen Abend alle Spielzeuge mitgebracht. Ihre Bühne glich einem futuristischen Spielplatz, die für viele visuelle Reize sorgte. Mittels maskierter Leinwand-Gestalt wurde das Publikum gebeten, eins zu werden, im Moment zu leben und nicht durch die Smartphones. Doch wie das Leben von heute so ist, wurde bereits diese Bitte mittels leuchtenden Neonbildschirmen festgehalten. Simone, zunächst in einen schwarzen Schleier gehüllt, performte den Opener von einem erhöhten Aufbau aus, der den Rest des Abends immer wieder genutzt wurde. Die Bauten hatten auch den Zweck, mittels Projektions-Scheinwerfer spektakuläre Effekte darauf abzubilden. Das Sextett machte mit den ersten Songs ziemlich klar, wer in der Halle das Sagen hat, und legten für die noch ausstehenden Amaranthe die Messlatte verdammt hoch.

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Auch wenn Epica nicht zu meiner Alltags-Musik gehören, wurde ich sofort von der Spielfreude und der Soundqualität gefesselt. Mal gab es Feuer, dann etwas Regen und dazwischen viel Futuristisches, das abwechselnd über den riesigen Videoscreen flackerte. «Sirens - Of Blood And Water» schien für viele Fans etwas Besonderes zu sein, weil Charlotte Wessels, nach erfolgreichem Kostüm-Wechsel, gemeinsam mit Simone Simons auf der Bühne stand. Man spürte förmlich, dass sich die beiden niederländischen Sängerinnen nahestehen. Während Epicas Auftritt wurde immer deutlicher, dass trotz Ersteinsatz, kaum jemand an dieses Spektakel anknüpfen kann. Alles war präzise, beeindruckend und als man dachte, dass es nicht noch opulenter werden kann, wurde für «Tides Of Time» ein Klavier auf die Bühne gerollt oder halluzinogene Grafiken sprengten bei «The Grand Saga Of Existence» das Bewusstsein.

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Es war eine extrovertierte Show, die in Sachen Pomp und Prunk keine Kompromisse machte und eine Band in Hochform präsentierte. Als absoluter Entertainer entpuppte sich zudem Keyboarder Coen Janssen, der im Gegensatz zu den meisten Synthesizer-Helden nicht hinter seinem Instrument festklebte, sondern sich bei zahlreichen Gelegenheiten zu den Bandkollegen gesellte. Eigens dafür hatte er ein Synthie-Setup, das es ihm ermöglichte, auf der Bühne oder sogar im Fotograben herumzurennen. Mit viel Zuwendung an die Fans, Gesten der Dankbarkeit und überschwänglicher Spielfreude versprühten Epica einen Hauch selbstbewusster Menschlichkeit, der verhinderte, dass die Vorstellung zu einem überproduzierten, rangeklotzten Auftritt verkam. Es war glaubwürdig!

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Persönlich hätte ich mir mehr von Mark Jansens Growls gewünscht, die leider nur sporadisch vorkamen, jedoch sehr eindrucksvoll waren. Bei ihrer Entfesselung wurden die Songs enorm verstärkt und verliehen dem Material die nötige Düsternis wie Schärfe. Epica sind bekannt für ihren Unterhaltungswert im Symphonic Metal Genre, aber was sie da in der Halle 622 abgeliefert haben, war eine brillante, mitreissende Show, die sowohl Fans als auch Gelegenheits-Zuhörer, musikalisch wie theatralisch, vom Hocker gerissen hat.

Setliste: «Intro (Speech)» - «Apparition» - «Cross The Divide» - «Martyr Of The Free Word» - «Eye Of The Storm» - «Unleashed (First Verse Acoustic)» - «Never Enough» - «Sirens - Of Blood And Water (mit Charlotte Wessels)» - «Tides Of Time (Piano Version)» - «The Grand Saga Of Existence» - «Cry For The Moon» - «Fight To Survive» - «The Last Crusade» - «Beyond The Matrix» - «Aspiral (ab Band)»

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Amaranthe
Nun lag es an der schwedisch-dänischen Formation Amaranthe, den Stein des Anstosses weiterzutreiben. Ein Mammut-Projekt, wenn man den Gig zuvor miterlebt hat. Dass nicht alle in der Halle an den Umsetzungserfolg des zweiten Headliners glaubten, war die Tatsache, dass doch ziemlich viele Besucher nach Epica Fersengeld gaben und den Heimweg antraten. Nun, eine faire Chance hätten Amaranthe dennoch verdient. Nach einem 30-minütigen Umbau legte das Sextett motiviert los, doch irgendetwas war anders. Der Sound war dröhnend laut und breiig, statt messerscharf und klar. Auch nach dem dritten Song wurde die Soundqualität nicht besser, und besonders der Gesang von Aushängeschild Elize Ryd sowie die gesampelten, melodischen Keyboard-Parts gingen ziemlich unter. Auch ein Verschieben meinerseits in der Lokalität, brachte nicht den gewünschten Erfolg. Schade, denn Melodie und Gesang sind bei den Amaranthe-Songs das Wichtigste, damit diese auch wirklich Spass machen.

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Wenn wir schon beim Spass sind: auch wenn die Band nicht die opernhafte Fülle von Epica besitzt, so hat ihre Show normalerweise einen unbestreitbaren Spassfaktor. Trotz der Verwendung von Voraufnahmen und der massiven Abhängigkeit von Backing-Tracks vermittelt sie doch ein Gefühl von Spontaneität und ungeübter Leidenschaft. Leider kam auch dieser Faktor nicht wirklich zum Tragen, denn was das Sänger-Trio Elize Ryd, Nils Molin und Mikael Sehlin choreographisch an den Tag legten, wirkte sehr einstudiert und hatte mehr von Klubschiff-Animation als von einem Metalkonzert mit spontanen Eingebungen. Drei Sänger bedeuten auch dreimal so viel Geplänkel. Obwohl Elize, auf Platte, als Stimme der Band wahrgenommen wird, erwies sie sich als die zurückhaltendste, wenn es um die Interaktion mit dem Publikum geht. Ein Grossteil des Publikums zeigte sich jedoch begeistert, glücklicherweise, und feierte Amaranthe richtig ab. Es genoss die Sprüche der sympathischen, männlichen Sänger, besonders, als die sich über zu leise Zuschauer in Paris lustig machten.

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Ein Song nach dem anderem gab die Truppe zum Besten, doch Heiterkeit wollte sich bei mir nicht mehr einstellen. Weder der “Disney-Hit“ «Crystalline» noch dasklebrig süsse «Chaos Theory» konnten die Tatsache übertünchen, dass genau diese schmalzigen Melodien, nach wie vor, kaum zu hören waren. Mit «Amaranthine», der Ballade meines Vertrauens und «The Nexus» schaffte es der Sechser dann doch noch, wieder etwas versöhnlicherere Gedankengänge aufkommen zu lassen, bevor sie ein erstes Mal von der Bühne verschwanden. Als es um die Zugabe ging, fragten sich wohl viele im Publikum, ob sie an diesem herkömmlichen Dienstagabend nicht doch einen früheren Zug nach Hause nehmen sollen, und so spazierte ich, nebst vielen anderen, noch vor den drei letzten Zugaben in Richtung Gefährt, das mich meinem Zuhause ein Stück näherbringen sollte.

Setliste: «Fearless» - «Viral» - «Digital World» - «Damnation Flame» - «Maximize» - «Strong» - «PvP» - «Crystalline» - «Boom!1» - «The Catalyst» - «Re-Vision» - «Chaos Theory» - «Amaranthine» - «The Nexus» - «Call Out My Name» -- «Archangel» -- «That Song» -- «Drop Dead Cynical»

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Charlotte Wessels und Epica hatten an diesem Abend eindeutig die besseren Karten. Hätte die Soundqualität von Amaranthe gestimmt, wären sie definitiv in der Lage gewesen, mit ihrem unverhohlenen Dirty Pop-Metal, einem Mix aus Abba, Roxette, In Flames und Freedom Call noch einen draufzusetzen. Genau die Gegenüberstellung dieser unterschiedlichen Eckpfeiler hätte den Abend unterhaltsam gemacht, denn alle Bands sind sich ähnlich genug, um die Fans der jeweils anderen anzusprechen, aber genug unterschiedlich, um einen abwechslungsreichen Abend zu generieren. Dies bedingt jedoch, dass alle Bands zu gleichen Teilen brennen. Amaranthe hatten leider eine feuchte Zündschnur.

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