"The Last Chapter" und somit das Ende einer Ära läutete der ehemalige Queensrÿche Shouter mit dieser Tour ein. Dabei wollte der 67-jährige, in Deutschland geborene Ami nochmals das komplette «Operation: Mindcrime» Werk spielen. Eine Scheibe, die 1988 als Mutter und Vater aller Konzept-Alben die Musikwelt revolutionierte. Dass Geoff und seine alten Bandmembers nie mehr zueinander finden werden, wie Accept und Udo Dirkschneider, ist einerseits bedauerlich, andererseits aber nicht änderbar.
So stand der mit einem breitrandigen Hut bestückte Shouter auf der Bühne im Z7, liess sich von den gut 800 Besuchern feiern und hinterliess nur zufriedene Gesichter. Da liegt viel Nostalgie in der Luft, wenn man ein solches Klassiker-Werk nochmals am Stück um die Ohren gehauen bekommt. Aber! Nicht alle waren dermassen begeistert wie 99.9 % der Besucher. Es gab da nämlich einen Unbeugsamen, der doch den einen oder anderen Kritikpunkt anfügte. Gallier Style like! Allerdings ein Jammern auf hohem Level. (tin)
Inner Vitriol
Die Progressive-Metaller aus Bologna waren bis 2023 noch unter der abgespeckteren Variante, sprich als Vitriol unterwegs. 2007 gegründet, dauerte es fünf Jahre, bis das full-lenght Debüt «Into The Silence I Sink» das Tageslicht erblickte. Danach erlosch das Feuer während fast einer ganzen Dekade, ehe «Live In Moscow» als 4-Track-EP die Rückkehr des Quartetts einläutete. Seit 2018, also dem Einstieg von Gitarrist Michele Di Lauro, ist das Line-up konstant mit der Rhythm-Section, bestehend aus Francesco Lombardo (b) und Michele Panepinto (d) sowie ergänzt durch Frontmann Gabriele Gozzi.
Letzterer setzte sich bald auffällig in Szene, da er über einen überaus kräftiges Organ verfügt. Um 20:10 Uhr ging es los, und bald sah ich mich ob der zelebrierten Mucke mit Vibes von Pagan's Mind konfrontiert. Dies, weil Gozzi durchaus etwas von Nils K. Rue aufs Parkett legte. Progressive Metal zeichnet sich ja oft durch Longtracks mit verschiedenen Stimmungen und Tempi aus. Das konnte man so auch bei Inner Vitriol feststellen. Von der Optik her hängte sich Gitarrist Michele bei seinem Spiel an der 7-Saitigen Klampfe voll rein, sang die Tracks quasi im Stillen für sich mit und liess auch technisch nichts anbrennen.
Musikalisch stand ihm dabei Kollege Francesco am 5-Stringer Bass in Nichts nach und brillierte, neben polternden Parts, mit teils ebenso feinen Lead-Läufen aus der Tiefton-Welt. Rhythmisch zusammengehalten wurde die Chose durch den zweiten Michele, der als Prog-Drummer mit vergleichsweise wenig Equipment auskam und dennoch überzeugte. Dass der gute Mann bald nochmals hinter den Kesseln sitzen sollte, wusste wohl kaum jemand im Publikum. Inner Vitriol kamen gut bei den Fans an, aber mir fehlte, trotz obergeilem Gesang, das herausragende und den Unterschied ausmachende Element. (rsl)
Setliste: «On A Cold Floor» - «Slowly She Dies» - «Waterfall» - «Weaker And Fading» - «The Frozen Wind» - «Butterflies» - «Impressioni Di Settembre» - «Endless Spiral»
Geoff Tate
Eine sehr spartanisch eingerichtete Bühne machte den Blick frei auf die Band. Die ersten Klänge des Intros «I Remember Now» versetzten das Z7 bereits in einen Freudentaumel. Nach und nach erschienen die Musiker auf der Stage. Zusammen mit Clodagh McCarthy (spielte auch Keyboard, das auf einem drehbaren Sockel stand) teilte sich Geoff die Vocals. Speziell beim extrem gut inszenierten «Suite Sister Mary» schenkten sich die beiden nichts und liessen den Emotionen mit Gestik wie Mimik freien Lauf. Die perfekt umgesetzte Story dieses Songes ging definitiv unter die Haut, während sich die drei Gitarristen Amaury Altmayer, Dario Parente, James Brown und Bassist Jimmy Wynen die Bühne teilten, immer wieder die Positionen wechselten, allein oder in Gruppen für Fotos posierten, wie auch sich für eine ballettartige Performance nicht zu schade waren. Die Spielfreude war spürbar wie augenscheinlich. Auch der Spass kam nicht zu kurz.
Am Schlagzeug sass übrigens erneut Michele Panepinto, der bereits bei Inner Vitriol auf die Becken einschlug. Der Aktivposten der Band war dabei aber Clodagh, die mit stetigem Bangen, Posen, Tanzen und Geschichtenerzählen mit ihrer Körpersprache einen wesentlichen Part des Ganzen war. Stimmlich passte ihr Gesang sehr gut zu dem von Geoff, der am Bühnenrand für einmal nicht so theatralisch (er schraubte den dramatischen Musical-Part bedeutend zurück) die Songs verkörperte. Was in meinen Augen ein sehr guter Schachzug war. Seine Ansagen liessen auf sich warten. Erst vor «The Needle Lies» riss er sich zu folgenden Worten hin: "Thank you. Should we continue?" (was für eine Frage!). Mister Tate liess die Story für sich sprechen und gönnte sich erst ein Bad im Applaus der Fans nach «Eyes Of The Stranger». Seinem in die Höhe gestreckten Daumen folgte: "You need a break? A breath?", um dann in ein Klassiker-Set einzusteigen, das sich hören und sehen lassen konnte.
"This is fucking awesome!", bedankte sich der Shouter und erinnerte daran, wie er vor ein paar Jahren für die Rehearsals der damaligen Avantasia Shows im Z7 aufkreuzte. Geoff genoss auch diesen heutigen Auftritt, liess sich feiern und sorgte mit seinem grössten Hit ("…erinnert ihr euch, dass dieser Song sogar in den Walmart Filialen gespielt wurde…?") «Silent Lucidity» für einen Gänsehaut-Moment. Die drei Tracks vom «Empire» Werk (neben dem erwähnten «Silent Lucidity», noch der Titelsong und «Jet City Woman») liessen das Z7 in euphorischen Jubel ausbrechen. Somit alles bestens? Nun ja, da komme ich jetzt zu meinen Kritikpunkten. Gesanglich lag der Gute (und das sei ihm altersbedingt verziehen) bei den hohen Schreien von «Take Hold Of The Flame» und speziell bei «Queen Of The Reich» (eine Jahrtausend-Nummer!) ziemlich daneben (Hä? Ziemlich daneben?? Waren wir da beim gleichen Konzert??? – rsl. Waren wir, aber vielleicht einfach mal die rosarote Brille von den Glubschern nehmen! - tin)
Vergleiche ich dies mit dem Auftritt seiner alten Band vor einem Jahr, legte Todd La Torre damals einfach mehr Power in die Stimmbänder (logo mit Jahrgang 1974 - rsl). Auch Band-technisch war mir die Tate-Truppe zu sehr auf "locker, flockig und lustig" getrimmt. Da will ich mehr Metal zu sehen bekommen oder eine tighte Truppe, die keine Löcher zulässt. Unbestritten wurde alles sehr gut gespielt, aber für mich stand kein Kollektiv auf der Bühne, dem ich abnehme, dass es für diese Songs bluten würde. Ja ich weiss, Kritikpunkte, die kaum jemand nachvollziehen kann. Oder doch, wenn man ganz ehrlich zu sich selber ist? Auch wenn ich den Abend genossen habe, blieben die erwähnten Punkte haften, die mir ins Ohr flüsterten: "Hätte ich die Wahl gehabt, wäre diese auf Queensrÿche gefallen". Aber vielleicht sieht das mein hochgeschätzter Rockslave ja anders? (tin)
Setliste: «Intro - Antifona: Salve Regina (I Modo - Bernardo Di Clairvaux, 1090 - 1153)» - «I Remember Now» - «Anarchy-X» - «Revolution Calling» - «Operation: Mindcrime» - «Speak» - «Spreading The Disease» - «The Mission» - «Suite Sister Mary» - «The Needle Lies» - «Electric Requiem» - «Breaking The Silence» - «I Don't Believe In Love» - «Waiting For 22» - «My Empty Room» - «Eyes Of A Stranger» - «Empire» - «Walk In The Shadows» - «Jet City Woman» - «Take Hold Of The Flame» -- «Silent Lucidity» - «Queen Of The Reich» - «Outro - Shining Star (Earth, Wind & Fire Song»
