Gerade weil die Zahl 23 kulturell seit Jahrzehnten eine beinahe unheimliche Aura besitzt – von der berüchtigten "23-Enigma" über William S. Burroughs und Discordianismus bis hin zu Illuminaten-Mythen und Verschwörungskultur – wirkt der neue Name automatisch wie ein bewusst kryptischer Code. Und genauso klingt auch «Deuterium»: wie eine Band, die ihre eigene Identität zerlegt und irgendwo zwischen progressivem Post-Metal, atmosphärischem Sludge und experimentellem Art-Rock neu zusammensetzt. Manchmal funktioniert dieser Ansatz wunderbar. Manchmal hingegen sind die Nähte so offensichtlich, dass das Album unter seinem eigenen Ideenreichtum fast zusammenzubrechen droht.
Am prägnantesten ist das ständige Aufeinandertreffen von harschen und klaren Gesangspassagen. Dabei gehört Patryk Zwolinskis markante Clean Voice zu den stärkeren Elementen des Albums. Blindead 23 klingen dabei weniger wie eine typische Post-Metal-Band, sondern eher wie zwei unterschiedliche Gruppen, die gleichzeitig dieselben Songs kontrollieren wollen. Die klareren Passagen driften oft in emotionale, beinahe allzu zugängliche Gefilde ab, bevor das Album die Zuhörer abrupt wieder in dissonante Lärmwände und nervöse rhythmische Umwege zurückzieht.
Überall herrscht Atmosphäre: neblige Gitarren, unruhiges Tempo, langgezogene Crescendos und Songs, die den Hörer eher versinken lassen als unmittelbar zu beeindrucken. Mehrere Übergänge wirken seltsam zusammengeflickt, anstatt sich organisch zu entwickeln. Es scheint, als hätte die Band bewusst offensichtliche Höhepunkte vermieden, selbst wenn eine stärkere Auflösung in Reichweite lag.
«Deuterium» lehnt Bequemlichkeit ab. Selbst seine grösseren Refrains nehmen unerwartete Wendungen, anstatt einfache Ohrwürmer zu liefern. Zuhörer, die nach sofortiger Befriedigung suchen, könnten dies frustrierend finden. Fans von anspruchsvollem, stimmungsgetriebenem Post-Metal werden jedoch wahrscheinlich zu schätzen wissen, wie furchtlos Blindead 23 Unbehagen über Zugänglichkeit stellt.
Am Ende bleibt fast die ironische Erkenntnis, dass ich die kryptische Geschichte rund um dieses ominöse "23" - mit all ihren Verschwörungs- und Geheimcode-Assoziationen – deutlich faszinierender fand als einen grossen Teil der Musik selbst.
Lukas R.