«Projections» fühlt sich an wie ein Album, das für den Spätherbst geschaffen ist: kalter Wind, nasse Strassen, grauer Himmel und jene Abende, an denen die Dunkelheit zu früh hereinbricht. Und doch sitze ich hier, umgeben von Kuhglocken und Sonnenschein, der den Garten erwärmt, und versuche, in diese monumentale Wand aus Doom-Metal-Melancholie einzutauchen.
Vielleicht sagt dieser Kontrast tatsächlich etwas Wichtiges über das Album selbst aus.
Denn trotz der fast "falschen" Umgebung gelingt es Godthrymm, mich in ihre emotionale Welt zu ziehen. Das ist bei Doom Metal nicht immer der Fall. Manche Alben sind stark von Stimmung und Umgebung abhängig, um ihre volle Wirkung zu entfalten. «Projections» hingegen trägt genug emotionales Gewicht in sich, um um den Hörer herum sein eigenes Wetter zu erzeugen. Mir gefällt speziell die Rockstimme von Hamish Glencross sehr gut.
Musikalisch bleibt die Band tief mit der klassischen britischen Doom-Tradition von My Dying Bride, Paradise Lost und Anathema verbunden. Doch das Album wirkt breiter und dynamischer als eine blosse Hommage an das Genre. «Trenches Deep» beginnt mit erdrückender Schwere, bevor es sich zu einem kraftvolleren, epischeren und aggressiveren Angriff entwickelt. «Truth In My Own» entfaltet durch massive Riffs und hämmernde Rhythmen pure, bedrückende Wucht. Der Song «The Sun Never Fell» erscheint wie eine Prozessionsmusik. Etwas ist nicht mehr wie es war, trotzdem ist da Hoffnung.
Das emotionale Zentrum des Albums liegt in Stücken wie «Jewels» und «Hope Is Eternal». Hier lässt die Band Melodie und Atmosphäre atmen. Catherine Glencross' Gesang verleiht in einige der Songs dem ansonsten gewaltigen Sound eine zerbrechliche, menschliche Wärme und den Songs eine fast elbenhafte Schönheit. Dazu gesellen sich auf einzelnen Tracks prominente Gaststimmen: Adie Bailey (ehemals English Dogs) sowie Jay Walsh von Xentrix auf «Trenches Deep» während auf «Endure My Skin» niemand Geringerer als Aaron Stainthorpe von My Dying Bride mit seiner markanten Stimme zusätzlichen Tiefgang verleiht.
Das Album bleibt durchweg düster, ist emotional aber niemals flach. Unter der Trauer und Schwere verbirgt sich stets ein schwacher Lichtschimmer und vor allem Kraft. Diese Balance ist es, die «Projections» unvergesslich macht. Godthrymm verwandeln Trauer, Erschöpfung und Melancholie in etwas seltsam Kraftvolles und Würdevolles.
Das von Mitchell Nolte gestaltete Cover unterstreicht die introspektive und melancholische Atmosphäre des Albums perfekt, indem es weniger auf klassische Doom-Klischees setzt, sondern vielmehr emotionale Zerrissenheit, innere Dunkelheit und ein fast traumartiges Gefühl von Verlust und Hoffnung visualisiert. Kauft Euch auch darum unbedingt das Vinyl.
Lukas R.