Das ist Progressive Metal der gelernt hat, wann man sich zurücknehmen muss, wann man sanft verwunden und wann man einer Melodie mehr Gewicht geben muss, als jedem noch so technischen Feuerwerk. Was dieses Album so fesselnd macht, ist die Art und Weise, wie es sich nach innen wendet. Anstatt Dunkelheit als theatralische Kulisse zu präsentieren, behandelt die Band sie als gelebte Erfahrung (Gefühlt ist diese Band schon ewig Teil des Soundtracks meines Lebens).
Die Songs wirken verwurzelt in Erinnerung, Reue, Ausdauer und der schwierigen Aufgabe, Schmerz zu verstehen, ohne ihn zu entschuldigen. Der Titeltrack gibt den Ton an mit einem weitläufigen, langsam aufbauenden Schwung, der kraftvolle Riffs mit einer fast schon klassischen Progressive-Rock-Wärme in den Keyboards verbindet. Diese Mischung wird zum Kern der Identität des Albums: Es ist heavy, aber nie plump; melancholisch, aber nicht gefühllos.
Textlich scheint das Album eine psychologische Reise durch ererbte Wunden, Einsamkeit, Fluchtgewohnheiten, Sterblichkeit, soziale Desorientierung und endgültigen Rückzug nachzuzeichnen. Dieser thematische Bogen verleiht dem Album eine ungewöhnliche Kohärenz. Es sind nicht nur sechs separate Songs – sie fühlen sich an wie miteinander verbundene Räume im selben Spukhaus.
Familientrauma in «Sanguis», emotionaler Zusammenbruch in «Loneliness Untold, Loneliness Unfold», die giftige Verführung durch Bewältigungs-Mechanismen in «Sweet To The Point Of Bitter» und der existenzielle Rahmen von «I Am Time» tragen alle zu einem Porträt von jemandem bei, der versucht zu überleben, ohne selbst zur Quelle weiteren Leids zu werden. Diese zugrunde liegende Idee verleiht dem Album sein emotionales Zentrum.
Musikalisch bewegen sich Green Carnation weiterhin in einem Raum zwischen Progressive Metal, Dark Rock, Doom und gotischer Melancholie, ohne sich von einem bestimmten Genre einengen zu lassen. Die Arrangements sind geduldig und oft filmisch, aber niemals überladen. Die sanfteren Momente sind genauso wichtig wie die härteren, und die Band versteht es, wie Kontraste Emotionen schärfen können. Wenn das Album leiser wird, verliert es nicht an Intensität; es wird intimer.
Das gilt besonders gegen Ende, wo die abschliessende Stimmung weniger den Eindruck einer Auflösung hinterlässt als vielmehr den eines zerbrechlichen, angehaltenen Atems. Zuhörer, die ständige Aggression oder offensichtliche Virtuosität erwarten, könnten «Sanguis» eher als nachdenklich denn als explosiv empfinden. Doch wer sich zu emotional ernster, durchdacht arrangierter Musik mit Gewicht und Atmosphäre hingezogen fühlt, wird hier viel zu bewundern finden.
Das Album verlangt Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, Unbehagen zu ertragen. Ist es hörenswert? Auf jeden Fall. Ist es für jeden etwas? Nein. Für Zuhörerinnen und Zuhörer, die progressive Musik mit Tiefe, Schattenseiten und echten menschlichen Gefühlen schätzen, ist «A Dark Poem, Part II: Sanguis» auf jeden Fall ein starkes und still bewegendes Kapitel in der langen, einzigartigen Geschichte von Green Carnation. Ist es für mich? – "ja" – zu 100%.
Lukas R.