Das Album beginnt mit «Every Tongue Has Its Thorns» und schafft sofort eine angespannte, filmische Stimmung. Pulsierende Rhythmen und schattenhafte Texturen bereiten die Bühne, während Erba del Diavolos Stimme eher wie eine Beschwörerin wirkt. «Lunga vita alla necrosi» vertieft diesen Zauber. Der italienische Text verstärkt die theatralische Qualität noch, und der Song atmet mit langsamer, giftiger Eleganz, die Verfall und Schönheit in Einklang bringt. Darauf folgt «Spirit, Blood, Poison, Ferment!», in dem sich die Band voll und ganz auf eine dunkle Zeremonie einlässt.
Das Tempo wirkt prozessionsartig und verleiht dem Song einen von einem traurigen Marsch-Rhythmus getragen Gewand. Hier kommt der cineastische Instinkt von Ponte del Diavolo am besten zur Geltung. Mit «Il veleno della Natura» ändert sich die Stimmung schlagartig. Der seltsam verführerische Track basiert auf einem hypnotischen, fast tanzbaren Puls. Hier flirtet die Band mit Disco-Doom- und Synthwave-Texturen und schafft etwas Beunruhigendes, das dennoch seltsam eingängig ist. «Delta-9 (161)» zieht die Dinge wieder in düsterere Gefilde zurück.
Der Song wird von obsessiven Wiederholungen und einer narkotischen Spannung angetrieben, die daherschleicht. Dabei wirkt Erba wie eine rituelle Hohepriesterin aus einer vergangenen Epoche, deren Stimme anfangs nicht wirklich singt als vielmehr heraufbeschwört. «Silence Walk With Me» führt eine härtere Note ein: konfrontativere Vocals und eine traditionellere Metal-Struktur, wobei die Post-Punk-Sensibilität der Band erhalten bleibt. Der abschliessende Track «In the Flat Field» wirkt wie ein Manifest: reduziert, streng und bedächtig verbindet er das Erbe des Gothic Rock mit einer aufmüpfigen Intensität und gefällt mir am besten.
Während des gesamten Albums verleiht die Doppelbass-Grundlage der Musik Tiefe und Bewegung, lässt aber auch erahnen, dass diese Songs live noch stärker wirken könnten (Bewiesen wenn du dir auch YouTube ihr Ponte Del Diavolo - "Covenant" (Live at Roadburn 2025) anschaust. «De Venom Natura» ist kein leicht zugängliches Album – und das will es auch gar nicht sein. Es belohnt Zuhörer, die Genre-Kollisionen, starke visuelle Vorstellungskraft und einen Sänger schätzen, der sich nicht scheut, seltsam, verspielt oder gefährlich zu klingen. Ich bleibe wohl trotzdem bei Messa, gehe aber an das Konzert, wenn die "Teufelsbrücke" je mal wieder in unseren Gefilden spielt.
Lukas R.