"Was für eine Persönlichkeit!" schiesst es mir nach dem Interview durch den Kopf. John, der in seinem Leben schon einiges erfahren durfte, ist alles andere als ein "verschnupfter" Rockstar. Was er zu erzählen hat, zeugt von Lebenserfahrung und der Erkenntnis, dass das Glas immer halbvoll ist. Sein neues Werk «New Day» ist gefüllt mit positiven Elementen und lässt den Shouter im Hard Rock, Country, Blues und Soul sein Gärtchen pflegen und dabei die schönsten Früchte pflücken.
Zusammen mit Bassist Michael Devin (The Dead Daisies, ehemals Whitesnake), Trommler Troy Luccketta (Tesla), Keyboarder Paul Taylor (Winger), Gitarrist Jeremy Asbrock (Ace Frehley, Gene Simmons Band) und Marti Frederiksen (Produzent von Aerosmith, Steven Tyler Band) an der Gitarre stand John bereits im Februar im Z7 auf der Bühne. Was die Truppe an Emotionen und Lebensfreude versprühte, sucht seinesgleichen. Gleiches gilt für die Antworten des ehemaligen The Scream und Mötley Crüe sowie heutigen The Dead Daisies Sängers.
MF: Was bedeutet der Album-Titel «New Day» für dich?
John: Ich veröffentlichte in der Vergangenheit schon ein paar Solo-Scheiben wie auch ein Akustik-Album. «New Day» ist für mich aber das allererste Werk, das ich mit einer kompletten Band einspielte. «New Day» ist einer dieser Songs, der einen positiven Moment beschreibt, wie ich mein Leben bestreite. Ich wollte kein politisches Statement abgeben. Als ich mir die Musik anhörte, sagte ich zu meinem Manager: "Weisst du was? Ich denke, ich sollte das Album «New Day» taufen". Alles fügte sich zusammen, während über allem eine positive Message schwebt. Ich bin bei The Dead Daisies, will beides machen können und es fühlte sich trotzdem wie ein neuer Start für mich an.
MF: Ist ein neuer Tag auch immer wieder die Möglichkeit, sein Leben aufs Neue zu feiern und zu geniessen?
John: Ja, da hast du absolut recht, Martin! Die Menschheit ist mit etwas gesegnet, das sie nicht immer anerkennt. Immer wenn du einen "Scheisstag" hast, kriegst du Gelegenheit dich hinzulegen, zu schlafen und den Reset-Knopf zu drücken. Öffnest du deine Augen, stehst du vor einem neuen Start. Ein frischer, neuer Tag steht vor dir und was immer gestern passierte, es ist vorbei. Schau nach vorne!
"...Es gab einige tiefe Täler, die ich durchschreiten musste..."
MF: Ziehen sich die Texte wie ein roter Faden durch dein eigenes Leben?
John: Die Texte beschreiben das Leben. «New Day» handelt vom Weg, wie ich mein Leben lebe. Ich hatte eine sehr, sehr gesegnete Karriere, aber es gab auch einige tiefe Täler, die ich durchschreiten musste. Das gehört zum Leben dazu. Ich versuchte immer, mit jedem Album das ich veröffentlichte, diesen einen grossen Meilenstein zu schreiben (grinst), den John Corabi zu einem bekannten Namen macht. Auf vielen Texten des neuen Albums reflektiere ich unterschiedliche Dinge. Als ich jung war und heute ein über 60-jähriger Mann bin, der sich an seine Vergangenheit erinnert und denkt, was er dabei alles gut und schlecht gemacht hat. Aber in der Art, als würdest du mit deinem Kind sprechen und versuchen ihm meine Ratschläge zu vermitteln. "Schau, ich tat dies und das ist dabei herausgekommen". Ich spreche jeden Tag, auch wenn ich auf Tour bin, mit meinem Sohn wie auch mit meiner Tochter. Alle Tracks beschreiben, was ich gesehen und beobachtet habe.
MF: Was würde sich John Corabi heute selbst als junger Musiker als Ratschlag mitgeben?
John: Viel Glück (lacht). Mein Sohn ist Musiker. Es versucht in dieser Zeit des Streamings, wenn Leute keine physischen Tonträger mehr kaufen wollen, zu überleben. Ich habe keine Ahnung, wie vielen anderen Truppen es heute genau gleich ergeht. Es ist echt verrückt. Du verkaufst keine Platten mehr und musst schauen, dass du diesen Verlust mit Konzerten und speziell mit Merchandising wieder wettmachen kannst. Du kannst heute wirklich glücklich sein, wenn einer deiner Tracks im Radio ein Hit wird. Was würde ich einem jungen John Corabi raten? Nummer eins: Lass einen guten Anwalt deine Verträge durchlesen, bevor du sie unterschreibst. Nummer zwei: Gib dein Geld nicht aus, bevor du es nicht in der eigenen Tasche hast (lacht).
MF: Gibt es Dinge, welche du heute anders machen würdest?
John: Nein, aber das Einzige, das ich bis heute nicht verstanden habe, ist dieses ganze Streaming-Konzept. Fuck, das ist nichts für mich. Zudem mag ich es mit den Leuten zu kommunizieren, wie mit dir. Ich bereue nichts, was ich in der Vergangenheit tat. Schön wäre es, wenn heute bei den Radio-Stationen nicht nur anhand vom persönlichen Geschmack Songs ausgestrahlt würden. Als ich jung war, war ich ein spannendes Thema für sie. Heute bin ich alt und ich scheine die Leute nicht mehr zu interessieren. Ein Lied ist nicht weniger interessant, bloss weil das Alter des Interpreten ihn schlechter macht. Vor einigen Jahren haben viele Bands noch Arenen ausverkauft. Heute werden sie vom Radio nicht mehr gespielt, weil sie alte Säcke sind.
Ich will nicht einer dieser Kämpfer für seine Altersgruppe sein (grinst). Ich bin ein Artist, spiele Gitarre und singe. Dabei erzähle ich Geschichten auf der Bühne und mache Jokes. Das hat nichts mit dem Alter zu tun. Paul McCartney ist 83 Jahre alt, Mike Jagger ist 82-jährig. Sie sind noch immer auf einem sehr hohen Level unterwegs. Das Alter hat nichts damit zu tun, ob du gut oder schlecht bist. Das ist aktuell das einzig Seltsame in der heutigen Musik-Industrie. Ich wünschte, ich könnte dies auf die Zeit zurückdrehen, als ich jünger war. Als DJ noch Rockstars waren. Sie spielten, was sie wollten. Nicht immer nur «Smoke On The Water» von Deep Purple, sondern auch «Maybe I'm A Leo». Das System hat sich zu sehr auf Schnelllebiges fokussiert.
MF: Wie würdest du dich charakterisieren?
John: Ich kann in ein halbleeres oder in ein halbvolles Glas schauen. Dabei sehe ich immer das Halbvolle. Ich habe so viele Platten veröffentlicht und kenne dermassen viele Bands, die nicht einmal ein Studio von innen gesehen haben. Ich erhielt einen Vertrag über mehrere Alben. Ich bin gesegnet, dass ich diese Möglichkeit habe und weiss, viele davon träumen nur einmal ein Album aufnehmen zu können. Ich denke nicht ans Aufhören und hoffe, dass «New Day» den Leuten zeigen wird, dass noch immer sehr viel Musik in mir steckt.
"...Es macht keinen Sinn, dass ich mit meiner Scheibe rauskomme und The Dead Daisies zeitgleich auch..."
MF: Wie lange hast du am neuen Album gearbeitet?
John: Nicht lange! Mir wurde ein Plattenvertrag angeboten, als ich letztes Jahr mit The Dead Daisies auf Tour war. Ich unterhielt mich mit meinem Manager und bat ihn mit jenem von The Dead Daisies zu sprechen, dass wir einen Zeit-Slot für das Solo-Album bekommen. Es macht keinen Sinn, dass ich mit meiner Scheibe rauskomme und The Dead Daisies zeitgleich auch. Als ich mit den Jungs auf Tour war, sagte der Manager: "Seit 2013 haben wir hart gearbeitet. Darum werden wir nun ein Jahr Pause machen". Ich kam von der The Dead Daisies Tour nach Hause, rief Marti Frederiksen an und fragte ihn, ob er Zeit und Lust hätte, mit mir das Solo-Album zu machen.
Wir begannen zusammen zu schreiben und nahmen in seinem Studio in Nashville auf. Das Meiste wurde von ihm, mir und seinem Sohn am Schlagzeug aufgenommen. Danach kamen viele Freunde von mir in den Aufnahme-Tempel, wie Paul Taylor, der Keyboards spielte oder Richard Fortus und Charlie Starr von Blackberry Smoke. Das Werk war Ende September, anfangs Oktober 2025 fertig. Diese Tour kam zustande, weil das Label die Scheibe bereits im Februar 2026 veröffentlichen wollte. Als sie das Album hörten, waren sie so begeistert, dass sie mehr Zeit wollten, um das Ganze stärker zu promoten.
MF: Ein wichtiger Punkt ist, dass «New Day» nicht wie ein Album deiner Bands klingt, sondern es präsentiert John Corabi!
John: Martin, das ist lustig, dass du das erwähnst (grinst). Meine Ehefrau hat genau das Gleiche gesagt. Das erste Video hat die Leute überrascht, weil ich in Nashville aufnahm und sie dachten, John Corabi wird nun Country spielen. Viele Leute kennen mich vom «Mötley Crüe» Album her. Sollte ich mir deswegen Gedanken machen, ob ich abkacken würde, weil ich die Erwartungen der Leute nicht erfüllen kann? Meine Frau sagte, als sie mir einen Whisky brachte: "Hör mal zu. Dieses Album ist verdammt nochmal grossartig! Das ist das erste, wahre John Corabi Werk! Bei allen anderen Scheiben hast du dich einer Band angeschlossen und bist Kompromisse eingegangen. Das hier bist du, wie du bist! Ohne Kompromisse. Es ist ein brillantes Werk, macht dir keinen Kopf darüber. Du wirst Fans verlieren, aber für jeden verloren, wirst du zehn Neue dazubekommen". Danach fühlt ich mich besser (grinst). Sie ist meine Muse!
MF: Was war dir wichtig beim Komponieren?
John: Glücklicherweise verstehst du was ich meine und warum ich heute mit der Musik-Industrie meine Mühe habe. Als ich aufgewachsen bin, als kleiner Junge und Teenager, hörte ich mir nur Musik an. Es gab den Rock'n'Roll, und der Disco-Trend war gerade dabei Fahrt aufzunehmen. Es gab The Cars, A Flock Of Seagulls und das Schubladendenken nahm seinen Lauf. Fuck, was soll das? Mit «New Day» wollte ich zu der Zeit zurückkehren, als ich Musik hörte. Es gab keine Schubladen. Heute wird jede Band und jeder Künstler in einer dieser Boxen hineingesteckt, um den Leuten zu sagen, was sie spielen. Ist es Rock, Heavy Metal, Black Metal, Speed Metal oder Alternative Rock? Ich wollte eine Platte veröffentlichen, die keine Schublade braucht.
Als ich ein Kind war, sah ich mir am Montag Black Sabbath an, danach ging ich zu James Taylor (Jazzfunk Band), Cat Stevens oder vielleicht zu Jethro Tull. All diese Bands wie Queen, Led Zeppelin sowie Foghat besassen diese kreative Art, welche die Lieder unterschiedlich machte, ohne sie in Schubladen stecken zu müssen. Ich vermisse dies in der heutigen Zeit. Es findet sich ein Track namens «Good To Be Back Here Again» auf meiner Scheibe. Ich hatte eine neue Gitarre, setzte mich hin und begann zu spielen. Marti sagte: "Du willst keine Boxen, dann lass uns das aufnehmen". Ich liebe diese Nummer und frecherweise spiele ich diese auch im Live-Set (lacht). Die Leute sagen: "Fuck, der hört sich richtig gut an!" Es ist ein bisschen Country drin aber noch immer gute Musik! Verstehst du, was ich meine?
Die Beatles haben früh in ihrer Karriere den Song «Act Naturally» gespielt, der eigentlich von Buck Owens stammte und ein Country-Track ist. Oder nimm «Honky Tonk Women» von den Rolling Stones. «Hound Dog» von Led Zeppelin oder «'39» von Queen. Alle wurden vom Country inspiriert und beeinflusst. Also schmeiss diese Schubladen weg und lass es uns tun (grinst). Ich liebe «New Day» und hoffe, dass die Leute sich die Scheibe kaufen. Hört Euch das Ganze an, nicht nur Sequenzen, sondern als ein Stück Arbeit.
"...Ich liebe Led Zeppelin..."
MF: Es ist Rock'n'Roll, es ist Blues, es ist Country und ein bisschen Soul, aber es ergibt sich ein grosses Bild, und das bist du…
John: …wie die alte Platten es waren. Ich liebe Led Zeppelin. Die erste war grossartig, die zweite brillant, beim dritten gingen sie in eine akustischere Richtung und alle fragten sich, was tun die da? "Ich weiss nicht, ob ich das mögen will?" Aber die Plattenfirma hielt an den Jungs fest und die vierte wurde zum grossen Verkaufsschlager, sprich hat sich allein in den Staaten millionenfach verkauft. Ich liebe diese Truppen, die sich einen Scheiss um Business-Politik kümmern und ihren Weg gehen. "Ich mache, was ich will (John streckt den Mittelfinger)"!
MF: Welches sind deine Erinnerungen an die Zeit mit The Scream?
John: Ich bedauere nichts, was in meiner Vergangenheit geschah und ich tat. The Scream waren eine grossartige Truppe und ich wünschte wir beide könnten heute über das 19. Studio-Album von The Scream sprechen. Mein Weg war kurvenreich (grinst). Wer hätte gedacht, als ich mit The Scream unterwegs war, dass mich Mötley Cüre anrufen würden? "Junge, wenn du das nicht tust, bist du verdammt nochmals verrückt!", sagten mir meine Bandkumpels. Ich trat Mötley Crüe bei, und alles was wir erschufen, war grossartig. Auch die ersten Parts für «Generation Swine», Aber wer konnte schon ahnen, dass sie Vince zurückholen würden! Es ist so, wie wenn du ins Casino gehst und Black Jack spielst. Du hast dieses fantastische Blatt, gehst "all in", legst deine Karten lächelnd auf den Tisch und der Dealer hat 21.
Das kann passieren (lacht), aber du musst weitermachen. Das geschah immer wieder im meiner verdammten Karriere, und trotzdem bin ich ein gesegneter Mensch. Du musst stetig positiv denken. Auf dem Cover von «New Day» siehst du auf der Stirn der Sonne die Zahl neunzehn. Es ist mein 19. Album, das ich veröffentliche. Es fühlt sich wie ein Zeichen des Universums an. Vielleicht hat mir immer dieses eine Steinchen gefehlt, damit ich zu einem Rockstar wurde (grinst). Alles hat mit Timing zu tun. Ich liebe The Scream und in dieser Band zu sein. Wir bekamen viele grossartige Reviews und grossartiges Feedback, aber ein Telefonanruf veränderte alles.
MF: Wie schwer war die Zeit nach Mötley Crüe?
John: Ich gründete Union zusammen mit Bruce Kulick von KISS. Wir verbrachten eine wundervolle Zeit, trennten uns nie und war erneut den Umständen der Situation geschuldet, dass die Radio-Stationen diese alten Säcke nicht spielen wollten. Die Promoter wollten eine junge Truppe. Komischerweise nahmen Sevendust uns mit auf Tour, weil sie grosse Fans von Bruce und mir waren. Aber die Veranstalter verstanden nicht, wieso diese jungen Kerle mit diesen alten Männern spielen wollten (grinst).
Es war eine andere Zeit. Damals verdiente man das Geld mit Alben und nicht mit den Konzert-Tickets. Heute hat sich dies völlig geändert. Trotzdem spielten wir in den Clubs und auf Festivals. Bruce ging zu Grand Funk Railroad, ich wechselte kurz zu Ratt, Jamie (Hunting) und Brent (Fitz) stiegen lustigerweise bei der Band von Vince Neil ein. Nochmals, das Universum durchkreuzt deine Pläne und sagt: "Nein, das machen wir jetzt anders" (grinst). Dann werden die Karten neu gemischt und ein neues Spiel beginnt.
MF: Herzlichen Dank für das interessante Interview, und alles Gute für die Zukunft.
John: Martin, ich habe dir zu danken für deine Zeit, es hat echt Spass gemacht.