Die Jungs von The Order sind seit 2004 im Business tätig und haben bisher sechs Scheiben veröffentlicht. Mit dem siebten Album «Empires» bewegen sich Sänger Gianni Pontillo, Gitarrist Bruno Spring, Bassist Alain Schwaller (seit 2020 dabei) und Trommler Mauro Casciero zwischen Tyrannen, vertrackten Nummern und lockeren Rock-Tracks. The Order haben dabei nichts von ihrer Faszination verloren und betreten mit dem knapp über zehn Minuten langen Track «The Bonehead's Back» monumentale Pfade. Wieso es seit «Supreme Hyprocrisy» sechs Jahre gedauert hat, in welchem Zusammenhang das grandiose Cover mit dem Texten steht und wie die Zukunft von Gianni aussieht (erst kürzlich verliess er Victory und stieg bei Nazareth ein) erklärt der Sänger im folgenden Interview.
MF: Sechs Jahre sind seit dem letzten Album vergangen, was ist in dieser Zeit alles passiert?
Gianni: Ich wurde in dieser Phase Sänger bei Victory. Die Integrationszeit bei dieser Truppe nahm viel Platz ein. Mit Victory ging ich viel auf Tour und wir nahmen Alben auf. Aus diesem Grund fehlte mir Zeit für The Order.
MF: Wie lange habt ihr an den Songs für «Empires» gearbeitet?
Gianni: Wir haben die neue Platte in zwei Parts aufgenommen. Vor achtzehn Monaten starteten wir und nahmen fünf Tracks auf. Weil ich andere Dinge am Laufen hatte, schoben wir eine Pause ein. Vor knapp sechs Monaten beendeten wir das Songwriting für die restlichen fünf Lieder.
MF: Ist es schwer, immer wieder aus dem kreativen Prozess herausgerissen zu werden, damit man wieder im Flow ist?
Gianni: Das spielt keine Rolle. Bei «Empires» hat auch Alain viel zum Gelingen beigetragen und Songs geschrieben. Früher war es immer Bruno, der dafür verantwortlich war. Bei uns läuft alles entspannt ab. Bruno schreibt die Tracks, wir treffen uns und ich singe meine Parts dazu ein. Im Bandraum spielen wir die neuen Songs, proben sie ein und gehen dann ins Studio. Aus diesem Grund ist es völlig egal, wenn das neue Material nicht in einem Guss komponiert wurde.
"...Es hätte ein Konzept-Album werden sollen..."
MF: Welches Ziel verfolgt ihr mit dem neuen Album «Empires»?
Gianni: Es hätte ein Konzept-Album werden sollen (grinst). Wir sind aber ein bisschen in den Glam Rock abgerutscht (lacht). Da war ich dafür verantwortlich (lacht noch immer). Aus diesem Aspekt wurde es dann eben kein Konzept-Werk. Mir gefallen diese Scheiben. The Order sind eine Truppe, die ein solches Unterfangen umsetzen kann. Nimmt man die heutige Zeit, mit allen Kriegen, fühlt es sich sehr trist an, wenn nur solche Kompositionen auf einer Scheibe stehen. Es fehlt der Witz und der Spass, darum benötigt ein Album auch Hard Rock und Glam Rock Tracks.
MF: Wo siehst du die Unterschiede zwischen «Empires» und seinen sechs Vorgängern?
Gianni: «Empires» ist eines der besten Alben von uns, rein musikalisch gesehen. Alain gebührt ein grosser Dank. Er hat einen sehr geilen Job am Bass abgeliefert und The Order damit aufgewertet. Wir sind das Ganze seriöser angegangen, haben dabei die Lieder mehr auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Ich denke, das hört man «Empires» auch an. Die Scheibe ist eine Message, und darum bin ich mir sicher, dass es die bisher beste Veröffentlichung von uns ist.
MF: Wie lange habt ihr am zehn Minuten dauernden «The Bonehead's Back - Promises And Illusion» geschrieben?
Gianni: Diese Nummer besteht aus fünf bis sechs Teilen (grinst). Ich habe die Jungs ermahnt und gesagt: "So langsam sollten wir uns entscheiden, wohin die Reise geht". Es ist schön wenn ich über alles singe, aber das kann durchaus zu einem Chaos führen. Man darf den roten Faden nicht verlieren, sondern sollte am Schluss den Bogen zum Anfang spannen können. Ich denke, das ist uns mit dieser Nummer sehr gut gelungen. «The Bonehead's Back» ist sehr, sehr geil geworden (grinst zufrieden).
MF: Was willst du uns mit dem Album-Titel «Empires» mitteilen?
Gianni: Das ist ein fetter, politischer Aspekt (grinst). Das Album hätte eigentlich einen anderen Titel tragen müssen, aber wir wollten nicht zu tief in die politische Gasse eintauchen. Aus diesem Grund entstand «Empires». Es handelt davon, dass alle Imperien irgendwann fallen werden. Dabei werden die Tyrannen, wovon es aktuell leider wieder sehr viele auf dieser Welt gibt, sterben. Ohne sie wird dieser Planet ein besserer. Wir beide sitzen hier zusammen und aktuell brechen neue Kriege los. Bloss, weil einer einen Hirnschaden hat (lacht). Ehrlich gesagt finde ich mit Musik zusammengebrachte Politik nicht immer toll, aber bei uns passt es.
MF: Ich stimme dir zu, dass Politik und Musik ein gefährliches Pflaster ist. Trotzdem kann man die Message gut verpacken. Wo siehst du selbst die Grenze?
Gianni: Oh, das ist eine gute Frage und die kann ich dir nicht beantworten. Es gibt viele politische Aspekte auf «Empires». Ein komplettes Werk in ein politisches Gewand verpacken muss nicht sein. Ohne Ballade und spassigen Rock-Song würde etwas fehlen. Drei bis vier Tracks mit einer guten Message sind absolut okay. Beginnst du aber über die Politik zu schreiben, klebst du in der Thematik fest.
MF: Wovon handelt «Fight For Your Rights»?
Gianni: Das ist einer dieser politischen Texte. Man kann ihn für die iranischen Frauen sehen, die leider massakriert werden. Dieser Song steht dafür aufzustehen, für die eigenen Rechte einzustehen und zu kämpfen. Man hat diesen Krieg im Iran, aber niemand geht auf die Strasse und rebelliert dagegen. "Jetzt reichts mit diesem Scheiss-Krieg!" Man nimmt die Situation an, wie sie ist, statt sich dagegen zu wehren. Es ist normal geworden, dass es Kriege gibt.
MF: Ist «Wherever I Go» eine Liebesbekundung?
Gianni: Ja! Der Song ist für meinen Sohn (mit einem strahlenden Grinsen). Ich werde ihn immer bei mir haben, egal, wo ich mich gerade befinde. Er ist stetig in meinen Gedanken und meinem Herzen. Speziell jetzt, weil ich mit Nazareth wieder sehr viel auf Tour sein und ihn nicht mehr so oft sehen werde. Das ist hart.
MF: Hat dich das Vaterwerden oder -sein verändert?
Gianni: Schon wieder eine gute Frage (grinst und überlegt). Beim Vaterwerden ist einem nicht bewusst, was alles passieren wird. Beim Vatersein lernst du viele Dinge, mit denen du umgehen kannst oder nicht. Du weisst nie, was als nächstes passiert und musst dich auf die Situation neu einstellen. Eine sehr interessante Frage (lacht).
MF: Im Gegenzug handelt «The Last Call» davon loszulassen oder sich loszureissen?
Gianni: Genau, hier geht es um eine Liebesbeziehung, die ich vor langer Zeit hatte. Irgendwann musste ich eine Grenze ziehen und sagen, wenn es so weiter geht, gehe ich an dieser Beziehung zu Grunde. Du musst für dich und deinen Partner kurz einen Stopp einlegen und einander gegenseitig fragen: "Gehen wie diesen Weg so weiter, dann trennen wir uns oder wir gehen den anderen Weg und ändern uns gemeinsam?" Das ist «The Last Call».
"...Es war nicht einfach eine Melodie und einen passenden Text zu finden..."
MF: Gibt es einen Text, der dir besonders am Herzen liegt?
Gianni: Ja, «The Bonehead's Back», ganz klar! Es war nicht einfach eine Melodie und einen passenden Text dazu zu finden. Am Ende muss es zu mir passen und ich will stolz auf das Endergebnis sein. Der Text gehört zu diesen politischen Elementen, der mit Zynismus und Ironie angereichert wurde (grinst).
MF: Ist es dir wichtig, mit Cover und Text auch eine Message zu vermitteln?
Gianni: Ja, absolut. Bei diesem Album erst recht. Beim Release von Pontillo And The Vintage Crew ist die Message höchstens (lacht), dass es sich hier um ein klassische Blues Rock Band handelt. Bei «Empires» haben wir bewusst die römischen, ägyptischen und chinesischen Imperien verwendet. Bei einem Konzept-Album ist es wichtig, dass das Cover eine Aussage beinhaltet, wie bei Dream Theater.
MF: Was bei The Order auffällt, ist, dass abgesehen mit dem Wechsel am Bass, immer die gleichen Leute in der Band sind. Welches ist das Erfolgs-Rezept hierbei?
Gianni: Wir pflegen eine gute Freundschaft und sind nicht sehr viel auf Tour. Wenn man ständig "on the road" ist, kann man sich mit der Zeit auf die Nerven gehen. Kommt bei The Order das Thema auf, dass mehr getourt werden sollte, dann haben wir definitiv ein Problem (lacht). Weil dadurch ein Musiker ausgetauscht werden muss, aber das ist zum Glück nicht der Fall.
MF: Ist es heute für dich einfacher zu musizieren, als wenn du an deine Anfangszeit von Pure Inc. zurückdenkst?
Gianni: Ehm nein…, das ist nochmals ein gute Frage (lacht). Du stellst wirklich gute Fragen (grinst). Es war bei Pure Inc. anders. Da startete meine Karriere. Gedanken, was passieren könnte, die hast du nicht. Nachdem die erste CD veröffentlicht wurde, haben wir geschaut was passieren könnte. Es kam die zweite und wir wurden bei AFM rausgeschmissen. Da begannen die ersten Probleme mit der Musik. Wollen wir weitermachen oder mit der Musik aufhören? Als Musiker bist du auf eine gewisse Art orientierungslos. Der Druck heute ist, konstant zu bleiben. Die Qualität, welche du in den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren aufgebaut hast, kontinuierlich abzuliefern. Für mich ist die Musik heute einfacher als früher.
MF: Welchen Ratschlag würdest du heute dem jungen Gianni erteilen, wenn er mit der Musik starten möchte?
Gianni: Mach es (lacht)! Meinem Sohn würde ich raten, lass die Finger davon (lautes Lachen). Die Zeiten haben sich geändert. Wenn heute ein junger Schlagzeuger mit Herzblut und Leidenschaft dabei ist, dann leg los. Sehe ich heute einen Gianni, der jung und unsicher ist, ob dieser Weg für ihn stimmt, dann würde ich ihm abraten. Damals, mit sechzehn Jahren, war für mich klar, ich will Musik machen. Ich wollte es und war bereit dafür. Wir haben geprobt, dreimal in der Woche. Nicht weil wir nicht wussten wie die Zeit totzuschlagen, sondern weil wir ein Ziel verfolgten. Musik machen, Songs schreiben und auf die Bühne gehen. Dies mit ganz viel Spass. Hängst du nur herum, hast keinen Plan was zu tun ist, dann lass besser die Finger davon.
MF: Was sind die Pläne für die Zukunft?
Gianni: Bei The Order sehen die Pläne leider nicht so rosig aus. Dies, weil ich erstens bei Nazareth eingestiegen bin und zweitens nächstes Jahr das Ziel ist, dass ich mit meiner Familie nach Costa Rica ziehe. Da wird mir leider die Zeit für vieles andere fehlen. Ich spielte in vier bis fünf Truppen. Das wird zukünftig nicht mehr gehen. Leider Gottes müssen auch The Order darunter leiden.
"...Die Idee entstand nicht von heute auf morgen, sondern unterliegt langen und intensiven Überlegungen..."
MF: Blutet dir dabei dein Herz?
Gianni: Absolut, aber das ist ein laufender Prozess bei mir. Die Idee entstand nicht von heute auf morgen, sondern unterliegt langen und intensiven Überlegungen. So oder so wäre ich in zwei Jahren nach Costa Rica ausgewandert. Mit der Musik abschliessen und in Südamerika völlig was anderes machen. Die Musik-Szene hat sich in den letzten Jahren wirklich sehr verändert. Klar habe ich noch Spass, aber es kommt zu wenig rein, damit ich, zusammen mit meinem Job, davon leben kann. Daran haftet auch immer ein Stück weit ein gewisser Druck. Ich habe dreissig Jahre lang Musik gemacht und denke, ich hab's gesehen. Ich habe vieles erlebt, was will ich noch mehr? Man muss ehrlich zu sich sein und den eigenen Frieden finden. Das Angebot von Nazareth kam völlig unerwartet.
MF: Dann wünsche ich dir alles Gute für deine Zukunft und geniess weiterhin die Musik.
Gianni: Ich danke dir für deine Zeit und deine Fragen.