Musikalisch lebt «Hugrheim» von Kontrasten. Die Grundlage bilden hämmernde elektronische Rhythmen und industrielle Impulse, die auch in einem dunklen Techno-Club nicht fehl am Platz wären. Darüber liegen schamanische Trommeln, raue Gesänge und traditionelle Volksinstrumente wie Tagelharpa und Laute. Das Ergebnis ist sowohl ritualistisch als auch tanzbar - ein Sound, der sich gleichermassen für eine Festivalbühne, ein heidnisches Treffen oder eine nächtliche Rave-Party eignet. Tracks wie «Nauðiz» und «Freyja's Calling» setzen stark auf hypnotische Wiederholungen.
Sie bauen nach und nach eine tranceartige Dynamik auf, die eher zum Bewegen als zum passiven Zuhören anregt. Was das Album von vielen anderen Acts der nordischen Folkszene unterscheidet, ist sein erzählerischer Anspruch. Es dreht sich um ein fiktives zehntes Reich, das im kosmischen Baum Yggdrasil verborgen ist - eine Welt, die vom Geist oder «Hugr» geprägt ist. Das Album entfaltet sich wie Fragmente eines Mythos, an den man sich durch Träume erinnert fühlt: leuchtende Reiche wie Ljósgarðr, schattige Gebiete wie Skuggaríki und geheimnisvolle Orte wie der See der Toten.
Diese mythologische Erzählweise fügt eine Ebene der Fantasie hinzu, die eher einer epischen Weltgestaltung als einer historischen Rekonstruktion ähnelt. Zuhörer, die mit Fantasy-Literatur vertraut sind, werden möglicherweise Anklänge an ähnliche Ideen bemerken. Das Konzept versteckter Welten innerhalb einer kosmischen Struktur ähnelt Elementen mythischer Kosmologien, die sowohl in nordischen Sagen als auch in späteren Fantasy-Traditionen zu finden sind - einschliesslich der vielschichtigen Mythologie, die Autoren wie J. R. R. Tolkien inspirierte.
Gleichzeitig knüpft die Konzentration auf Trance, Runen und spirituelle Reisen stark an ältere finnische und skandinavische Mythen-Zyklen an, in denen Gesang und Rhythmus als Tore zwischen den Welten dienen. Trotz der mythischen Themen wird «Hugrheim» nie übermässig feierlich. Unter der rituellen Oberfläche verbirgt sich ein unverkennbares Gefühl von Energie und sogar Humor, als hätten alte Geister die moderne Verstärkung entdeckt und beschlossen, eine Party zu feiern.
Fans von Acts wie Heilung, Danheim oder düstereren nordischen Folk-Projekten werden hier viel zu geniessen finden, insbesondere diejenigen, die offen für elektronische Experimente sind. «Hugrheim» ist kein ruhiges Hörerlebnis, sondern eine Einladung sich zu bewegen, zu fantasieren und für einen kurzen Moment in eine Welt einzutauchen, die irgendwo zwischen Mythologie und Tanzfläche existiert. Nach Tolkien-Metal folgt nun Tolkien-Trance.
Lukas R.