Ihr neues Album «The Hope» setzt den in früheren Veröffentlichungen eingeschlagenen Weg fort, klingt jedoch direkter, schwerer und konzeptionell klarer. Die 2017 von Gitarrist und Sänger Carlo Gartenmann gegründete Band war schon immer von Eskapismus geprägt – und diese Philosophie prägt das gesamte Album. Gartenmann, der nach einem Schlaganfall, der seine Sprache beeinträchtigte, aber seine Gesangsstimme unversehrt liess, weiter schrieb und aufnahm, versteht Musik weniger als Unterhaltung, sondern eher als Gespräch mit dem Zuhörer.
Das Quartett setzt offen auf Erfahrung statt auf Jugend, und genau diese Reife kommt den Arrangements zugute. Das Album beginnt mit «Never Ending Time», einem ruhigen, aber spannungsgeladenen Stück mit BJH-vibe, das auf einer melancholischen Atmosphäre und stetiger Bewegung aufbaut. Musikalisch drückt es die Idee aus, dass sich die Welt unabhängig von menschlicher Torheit weiterdreht. «Shining» folgt mit mehr Drive und einem helleren, melodischen Kern. Es führt mehrstimmigen Gesang und eine klarere Rock-Struktur ein, während es weiterhin in weitläufigen Keyboards schwebt.
Der Titeltrack «The Hope» entwickelt sich zu einem Epos mit geduldigen Steigerungen, emotionalen Leads, Sprech-Gesang und schwebenden Passagen. «Disaster» steht im Kontrast dazu: Der Ton ist schwerer, beinah warnend, und die Rhythmus-Gruppe wird mit Dringlichkeit vorangetrieben, die Hammond und Gitarren duellieren sich. «Behave» verlangsamt das Tempo wieder. Der Song ist nachdenklich und etwas düsterer. Er baut eher auf Dynamik als auf Riffs auf und zeigt die Fähigkeit der Band, auch ohne Lautstärke die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und zeigt das Gesangs-Potenzial von Carlo am eindrücklichsten.
«Rock Festival» ist dann wieder eher ein Standard-Rocker, der live sicherlich für Freude sorgen wird und besitzt zudem wieder eine supercoole Hammond Orgel Linie plus Solo (Basement Saints lassen grüssen). Der finale Song «Still War» fängt mit einer Sirene und dramatischen Melodie an, es scheinen Floyd-sche Momente durch und bei 05:30 Min. kommt dann auch das passende wie schwebende Gitarren-Solo dazu.
Über das gesamte Album hinweg wird das symbolische Handschlag-Motiv, das für Zusammenarbeit in einer zerbrochenen Welt steht, hörbar: Spannung und Entspannung wechseln sich ab, anstatt in einfachen Höhepunkten zu explodieren. Die Produktion bleibt warm und organisch, vermeidet moderne Kompressions-Trends und lässt den Songs Raum zum Atmen. Was «The Hope» auszeichnet, ist nicht Virtuosität, sondern Intention: Flector nutzen Progressive Rock als Sprache, nicht als Museums-Stück und kombinieren psychedelische Atmosphäre mit geerdeter Rock-Kraft auf sehr natürliche Weise.
Das Ganze ist durchdachte Musik, die aufmerksames Zuhören belohnt, statt nur in Playlists zu landen. Kurz gesagt ist dies eine weitere Schweizer Band, auf die wir wirklich stolz sein können: Sie ist unverwechselbar, ehrlich und der Beweis dafür, dass Progressive Rock noch immer lebendig klingen kann, wenn er aus Überzeugung statt aus Nostalgie heraus entsteht. Es stehen bald einige Konzerte der Band in der Schweiz an, und ich erwarte Euch alle dort zu sehen. Grossartig!
Lukas R.
