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Mit ihrem Debüt «There Is Beauty In Letting Go» hat die Schweizer Metalcore Band VICIOUS RAIN vor zwei Jahren eine solide Visitenkarte abgegeben und ihre emotionale DNA klar umrissen.
Was damals noch fehlte, war ein schärferes Profil gegenüber der Konkurrenz – ein Umstand, der in der ersten Phase vieler Metalcore-Bands nicht ungewöhnlich ist. Dennoch: Trotz eines gesättigten Marktes fand die Band schnell Anklang. Starke Produktion, sehr gutes Songwriting-Handwerk und ein ausgeprägter Fokus auf Emotion kompensierten die noch überschaubare Eigenständigkeit. Mit «The Anatomy Of Surviving» liefern Vicious Rain nun die Antwort auf die entscheidende Frage: Wer sind wir – und wofür stehen wir?
Bereits die vorab veröffentlichten Singles, wie «IKIGAI» und «Trading Hearts», deuten die Richtung einer gezielten Strategie an: mehr Tiefe, mehr Charakter, mehr Identität. Das zweite Album wirkt insgesamt geschlossener und entschlossener. Im Vergleich zum Debüt sind die Songs spürbar dichter, dunkler und emotional offener. Statt primär auf Härte zu setzen, rücken Vicious Rain die erzählerische Dimension ihrer Musik in den Vordergrund. Der Opener etabliert unmittelbar eine cineastische Klangwelt, die sich durch das gesamte Album zieht.
Atmosphärische Flächen, elektronische Elemente und strukturierte Dynamik prägen den Sound. Gesanglich entsteht ein kontrastreiches Wechselspiel zwischen fragilen Clean-Passagen und druckvollen Breakdowns. Stilistisch bewegt sich die Band klar in Richtung der Post-Architects-Ära, erweitert diesen Ansatz jedoch um industrielle Nuancen und eine bewusst inszenierte Dramaturgie. «The Anatomy Of Surviving» versteht sich weniger als lose Songsammlung, sondern als kohärente Reise.
Einzelne Tracks erfüllen dabei eine funktionale Rolle im Gesamtfluss – nicht jeder Moment zielt auf unmittelbare Wirkung, sondern auf den Aufbau eines grösseren Ganzen. Inhaltlich zieht sich ein roter Faden konsequent durch das Album: die Auseinandersetzung mit Trauma, Verarbeitung und Heilung. Die zentrale Aussage bleibt dabei klar und nachvollziehbar: Ohne Heilung kein Weiterleben. Mit ihrem zweiten Album gelingt Vicious Rain ein deutlicher Schritt nach vorne.
Die Band schärft ihr Profil, ohne ihre Wurzeln zu verleugnen, und gewinnt an internationaler Relevanz. Auch wenn strukturelle Überraschungen stellenweise ausbleiben, überzeugt «The Anatomy Of Surviving» durch Konsequenz, emotionale Ehrlichkeit und ein gewachsenes Gespür für Dramaturgie. Wer im modernen Metalcore zu Hause ist, wird hier mehr finden als nur solide Kost: ein Album, das nicht nur gehört, sondern durchlebt werden will.
Stéphanie P.