Bei Mayhem sind Erwartungen und auch die Vergangenheit (Selbstmord, Mord, Legenden) stets eine Belastung, doch «Liturgy Of Death» weigert sich, die Nostalgie-Karte auszuspielen. Stattdessen klingt das Album wie eine Band, die genau weiss, wer sie ist, und kein Interesse daran hat, Ecken und Kanten zu glätten oder sich zu erklären. Dies ist weder eine Rückkehr zu den Wurzeln, noch eine stilistische Kehrtwende. Es ist eine Verfeinerung durch Druck.
Klanglich ist das Album dicht und imposant. Die Gitarren fungieren als bewegliche Spannungsfelder, die ständig ihre Form verändern, ohne sich in Komfort zu flüchten. Hellhammers Schlagzeugspiel bleibt eine prägende Kraft: Es ist präzise, unerbittlich und eher architektonisch als aggressiv. Attila Csihars Gesang ist so polarisierend wie eh und je und bewegt sich zwischen rituellen Gesängen, angestrengten, opernhaften Phrasierungen sowie unterirdischen Growls. Anstatt die Songs zu dominieren, verhält sich seine Stimme wie ein weiteres, instabiles Instrument innerhalb des Mixes.
Was «Liturgy Of Death» von viel zeitgenössischem Black Metal unterscheidet, ist seine Geduld. Trotz der Geschwindigkeit und Gewalt widersteht das Album der sofortigen Befriedigung. Die Tracks entfalten sich allmählich und verweigern oft eine Auflösung, wodurch ein anhaltendes Gefühl der Unruhe entsteht. Die Produktion unterstützt diesen Ansatz: Sie ist klar genug, um jedes Detail freizulegen, aber dennoch kalt und unversöhnlich, niemals üppig oder einladend.
Das Anhören dieses Albums ist anspruchsvoll. Es belohnt konzentrierte Aufmerksamkeit statt beiläufigen Hintergrund-Konsum. Wiederholtes Anhören offenbart die subtilen strukturellen Entscheidungen, die sich unter dem Chaos verbergen. Fans der späteren Werke von Mayhem werden seine Disziplin und Strenge zu schätzen wissen, während Neulinge es vielleicht als absichtlich unzugänglich empfinden.
Ist es hörenswert? Auf jeden Fall wenn man Black Metal schätzt, der herausfordert statt zu unterhalten. «Liturgy Of Death» steht fest, streng und kompromisslos da und beweist, dass Langlebigkeit in extremer Musik anhaltende Relevanz bedeuten kann statt Rückzug. Wenn Mayhem im Februar 2026 die Schweizer Bühne betreten, erwartet keine nostalgische Wohlfühlreise. In der Vergangenheit wollte Mayhem unter dem wachsamen Auge von Øystein Aarseth (R.I.P.) keine Fans - sie wollten Überzeugung. Es gab ungeschriebene Regeln, darunter die Tatsache, dass Satanismus ein Glaube sein sollte, kein Kostüm.
Heute überprüft niemand mehr Referenzen an der Tür, aber die Einstellung ist nach wie vor dieselbe. Die Musik ist immer noch feindselig, die Atmosphäre immer noch kalt und Komfort nach wie vor optional. Betrachtet es weniger als ein Konzert, sondern eher als eine Erinnerung daran, dass Mayhem nie dazu da waren zu unterhalten – und es auch heute noch nicht sind. Iam sub lecto non iacent aves mortuae atque putridae!
Lukas R.