Die geheimnisvolle Atmosphäre und die mühelose Coolness des Originals (und der Saints) schienen weitgehend zu fehlen. Im Gegensatz zur Interpretation der Saints verleiht diese Version dem Song nie wirklich eine neue Dimension. Sie geht auf Nummer sicher.
Doch ein Song macht noch kein ganzes Album aus, also hörte ich weiter.
Dabei stellte sich mir sofort eine weitere Frage: Was genau ist ‘echte amerikanische Musik’, wie es der Pressetext stolz verkündet? Wenn dies die Antwort ist, dann scheint Social Distortion sie als eine Mischung aus Garagenrock, Roots-Musik, Punk-Spirit und staubiger Highway-Atmosphäre zu definieren. Weniger Lederjacken-Attitüde und mehr sonnenverblasste Bars irgendwo abseits der Route 66.
Und um fair zu sein: «Born To Kill» hat durchaus seine Stärken. Es ist ein Album, in das man leicht hineingleiten kann. Die Songs sind eher angenehme Begleiter als anspruchsvolle Erlebnisse. Es ist die Art von Musik, die ganz natürlich zu langen Autofahrten gehört, bei heruntergelassenen Fenstern und einer endlosen Strasse vor einem. Vielleicht ist es genau das, was sie meinen, wenn sie von amerikanischer Musik sprechen.
Der Titeltrack eröffnet das Album selbstbewusst und sorgt sofort für Stimmung. Unter der Punk-Attitüde verbergen sich Spuren von klassischem Heartland-Rock. Manchmal fühlt es sich fast so an, als würden sich Tom Petty und Dylan vor einer Spelunke in Südkalifornien über den Weg laufen. Die Musik ist eher zum Mitsingen als zur Revolution gemacht.
Über das gesamte Album hinweg gehen die Melodien leicht ins Ohr und die Hooks kämpfen selten um Aufmerksamkeit. Die Gitarrenarbeit ist durchweg solide und gelegentlich sehr unterhaltsam, wenn auch nicht auf eine Weise, die ein sofortiges Wiederholen erfordert. Andererseits streben Social Distortion vielleicht gar nicht nach Virtuosität. Ihr Ziel scheint eher Atmosphäre und Vertrautheit zu sein.
Im Laufe des Albums kommen verschiedene Facetten zum Vorschein. «Partners In Crime» deutet erneut auf diesen Petty-ähnlichen Geist hin, während «Crazy Dreamer» weiter in Richtung Southern Rock und Americana tendiert. «Never Going Back» weist sogar Anklänge an einen Shuffle im Stil von ZZ Top auf.
Allerdings ist nicht jeder Halt auf diesem Roadtrip gleichermassen unvergesslich. Einige Titel in der zweiten Hälfte vergehen, ohne viel zu hinterlassen, und gelegentlich verfällt das Album zu sehr in seine eigene Formel.
Und dann ist da noch das Cover-Artwork. Als ich diese grosse Raubkatze sah, hatte ich etwas Gefährliches, Elegantes und Ungezähmtes erwartet. Stattdessen klingt «Born To Kill» weitaus bodenständiger und vertrauter als wild oder exotisch.
Dennoch: Nach fünfzehnjähriger Pause hätten sich Social Distortion niemals neu erfinden können - und vielleicht hatten sie das auch gar nicht vor. Was «Born To Kill» bietet, ist etwas anderes: eine Sammlung von Songs einer Band, die genau weiss, wer sie ist. Mike Ness klingt natürlich älter, doch das verleiht den Songs Charakter statt Schwäche. Hier gibt es Biss, aber auch Nachdenklichkeit.
Langjährige Fans, die die vertraute Mischung aus Punk-Energie, Rockabilly-Attitüde und Geschichten aus dem Arbeitermilieu erwarten, werden genau das finden, wonach sie gesucht haben. Wer auf eine dramatische Neuerfindung gehofft hat, bleibt vielleicht etwas auf der Strecke. Doch vielleicht verfehlt das den Punkt. Bei diesem Album geht es nicht darum, Relevanz zu beweisen, sondern ums Über/leben.
Wie eine alte amerikanische Autobahn mag «Born To Kill» einen vielleicht nicht ständig überraschen, aber es ist dennoch angenehm, eine Weile auf der Strasse zu bleiben.
Lukas R.