Wenn wir über Drone sprechen, kommen wir unweigerlich bei Sunn O))) an, einem Projekt, das die Konventionen von ‘Songs’ längst zugunsten einer Klangarchitektur aufgegeben hat. Während Metallica die Rubens der Heavy-Musik sind – dicht, erzählerisch, kraftvoll –, fühlt sich Sunn O))) eher wie Mark Rothko an: Weite Klangfelder, subtile Verschiebungen und eine beinahe spirituelle Auseinandersetzung mit Leere und Präsenz.
Ihr selbstbetiteltes neues Album bekräftigt diese Identität. Die sechs Tracks, von denen die meisten länger als zehn Minuten dauern, entfalten sich eher wie tektonische Bewegungen als wie Kompositionen. Dies ist keine Musik für Radio, Playlists oder beiläufigen Konsum. Sie ist eher eine Installation, in die man eintritt, statt sich von ihr unterhalten zu lassen. Nachdem ich die Band 2025 in der Schweiz live erlebt habe, kann ich bestätigen, dass sich dieser Ansatz in etwas nahezu Ritualistisches verwandelt.
Die Erinnerung an das von Tolkien inspirierte Stück «Isengard» (1999, Debut) ist noch immer präsent und fängt eine bedrückende, anti-industrielle Stimmung ein, die unheimlich gut zu Tolkiens Vision von Sarumans verdorbenem Reich passt. Dieselbe Atmosphäre durchdringt auch das neue Album: langsam, erdrückend und zugleich seltsam meditativ.
In der Innenhülle der Platte verbirgt sich ein Hinweis: keine Texte, keine klassischen Konzepte, sondern eine Konstellation von Begriffen – Seismizität, stehende Welle, dunkle Materie, Sonneneruption, Granit. Das liest sich weniger wie eine Titelliste als vielmehr wie ein Bestimmungsbuch für Kräfte, die man nicht sehen, sondern nur spüren kann. Und genau dort beginnt dieses Album.
Dieses Werk präsentiert Musik nicht als Komposition, sondern als Masse, die nach Skulptur strebt. Der Klang verhält sich wie Geologie und Astronomie zugleich: langsam, immens und unbeeindruckt vom menschlichen Massstab. Die Gitarren häufen sich an, verdichten sich und schwingen mit. Sie bilden Strukturen, die eher einer Lawine oder einer Antiklinale ähneln als einem Riff. Jeder Ton scheint in einer stehenden Welle zu schweben und den Raum subtil umzugestalten.
In diesen Begriffen liegt eine auffällige Dualität: Findling und Sonneneruption, Granit und Schillerung. Manchmal wirkt die Musik wie dunkle Materie – eine Präsenz, die sich nicht fassen lässt, aber das gesamte Hörerlebnis bestimmt. An anderen Stellen bricht sie in Verzerrungsausbrüche auf, die wie ferne kosmische Ereignisse flackern.
Was dabei entsteht, ist keine Entwicklung, sondern Topografie. Die Tracks sind Landschaften, durch die man sich bewegt wie durch ein Gebirge oder ein Sturmsystem: langsam, aufmerksam und mit dem Bewusstsein, dass der Massstab alles ist. Selbst Stille - oder das plötzliche Fehlen von Klang - wird zum Ereignis, das die Wahrnehmung neu kalibriert.
Dieses Album lädt dazu ein, nicht auf Melodie oder Struktur, sondern auf Druck, Dichte und Schwingung zu hören. Sunn O))) verfeinern hier ihre Sprache zu etwas Elementarem. Das ist eine Reduktion auf Kernkräfte.
Die Produktion unterstreicht das: Schicht um Schicht von Gitarrentönen - weit über hundert Spuren - erzeugen eine fast geologische Dichte. Der Klang ist klarer und kontrollierter als früher, behält aber seine rohe, physische Schwere. Momente der Stille treten als entscheidendes Element hervor und machen deutlich, dass hier nichts dem Zufall überlassen ist, sondern alles präzise geformt wurde.
Letztendlich ist dies kein Album für Refrain-Wiederholer, Luftgitarren-Headbanger und die ‘Always-Summer-of-69’-Gang - und das will es auch gar nicht sein. Viele werden es als monoton oder absurd abtun. Doch wer sich darauf einlässt, erlebt ein immersives, körperliches und introspektives Hörerlebnis – die hörbare Gewalt der Plattentektonik, aus der Kontinente entstehen.
Lukas R.