Innerhalb einer einzigen Komposition kann die Musik von zerbrechlicher Ruhe zu überwältigender klanglicher Zerstörung wechseln und dabei genüsslich jede Regel des "radiofreundlichen" Songwritings zerreissen. Dies ist keine Musik, die für Radio BOB oder algorithmusfreundliche Hooks konzipiert ist. Schönheit, Wahnsinn, Chaos und Zerfall – alles gleichzeitig, alles gegen dich. Während Künstler wie Pablo Picasso oder Joan Miró bereits künstlerische Normen infrage stellten, fühlt sich «The Dance Of Tragedies» eher wie das Werk von Jackson Pollock an.
Die konventionelle Komposition wird hier nicht nur gedehnt, sondern fast vollständig aufgelöst. Musik wird zu Atmosphäre, Ritual, emotionalem Zusammenbruch und tranceartigem Chaos. Während einige Zuhörer in diesem Wahnsinn visionäre Transzendenz hören werden, werden andere es als selbstverliebten Lärm oder intellektuelle Extremität abtun, die vorgibt, Kunst zu sein. Doch genau diese unangenehme Spannung verleiht dem Album seine seltsame Kraft.
Plötzlich tauchen aus dem Wirbel Momente von eindringlicher Schönheit auf: zerbrechliche Melodien, ferne klare Passagen, fast meditative Stimmungen. Doch Maladie lassen einen selten lange in Ruhe. Sekunden später werden diese Passagen wieder von Dissonanzen, Blastbeats, jazzigen Bläsern, schizophrenen Tempowechseln und erstickenden Klangwänden verschluckt. Das Album wirkt ständig instabil, beinahe lebendig, als könnte es jeden Moment in völliges Chaos versinken.
Das deutsche Kollektiv beschreibt seinen Sound als "Plague Metal" – und diese Beschreibung passt bemerkenswert gut. Es handelt sich um ein einziges, immersives, psychologisches Erlebnis. Die Tracks gehen fliessend ineinander über und entfalten sich organisch, anstatt vorhersehbaren Strophe-Refrain-Strukturen zu folgen. Dies deckt sich direkt mit der Art und Weise, wie die Band selbst ihre künstlerische Philosophie beschreibt. In Interviews betont Maladie wiederholt, dass sie Alben nicht als traditionelle Songsammlungen, sondern als zusammenhängende emotionale Reisen betrachten, die auf Kontrast, Unvorhersehbarkeit und Atmosphäre aufgebaut sind.
Ihre Musik widersetzt sich bewusst einem passiven Konsum. Anstatt einfache Einstiegspunkte zu bieten, zielt die Band darauf ab, die Zuhörer zu verunsichern und eine emotionale Desorientierung zu erzeugen, in der Schönheit und Zusammenbruch gleichzeitig koexistieren.
Diese künstlerische Herangehensweise ist auf «The Dance Of Tragedies» deutlich zu hören. Das Album wirkt wie eine Form des abstrakten Expressionismus, die in Klang übersetzt wurde. Manchmal fühlt man sich an die avantgardistische Extremität von Deathspell Omega, die kosmische Theatralik von Arcturus, die emotionale Raffinesse von Ne Obliviscaris oder sogar den genreübergreifenden Wahnsinn von Mr. Bungle erinnert. Doch trotz dieser gelegentlichen Assoziationen klingen Maladie letztendlich wie niemand ausser sich selbst.
Dies ist sicherlich kein Album für jeden, der sich Extreme Metal anhört, aber wohl eine der kühnsten, kompromisslosesten und künstlerisch faszinierendsten Extreme Metal Veröffentlichungen des Jahres 2026.
Lukas R.