Im Fall der mir vorliegenden Platte «Deprive Of Vision» des Berner Fünfers Thy Gnosis trifft wohl alles auf einmal zu. Dies will keinesfalls heissen, dass ihr Sound humoristisch rüberkommt, denn was mir während der gesamten Spielzeit entgegenschlägt, ist leidenschaftlicher Death Metal mit progressiven Elementen. Bereits ihr Debüt «Seroconversion», das noch eher im Tech-Death verankert war, hat 2023 gute Kritiken eingefahren. Wie das bei jüngeren Bands so ist, wächst mit den Jahren auch die Ambition der Musiker und man entwickelt sich weiter. Aus Erfahrung gerät dies nicht immer zum Vorteil für die jeweiligen Songs, im Fall von Thy Gnosis jedoch schon. Ihr Zweitling, «Deprive Of Vision», hebt sich ziemlich vom Erstwerk ab und macht die musikalische Weiterentwicklung deutlich hörbar.
Die Combo um Markus Gerber (v), Jan Beedy (g), Christian Grü (g), Aurel Bodone (b) und Stefan U. (d) bietet während zehn Songs aggressiven und doch melodischen Death Metal, der stets mit progressiven Elementen durchzogen ist. Dazu gesellen sich schwarzgefärbte Anteile, sowie Thrash-Anleihen, die stets für Abwechslung sorgen. Keiner der Tracks klingt identisch, keiner wird mit demselben Grundbeat durchgezogen. Jeder Song vermittelt eine ganz eigene Stimmung und Atmosphäre. Dies liegt mit Sicherheit auch an der Leistung des Sängers, der mit einer eindrücklichen Bandbreite an Growls und Screams aufwartet.
Im einen Moment brummt der Fronter tief im Keller, im nächsten schiesst er kehlige Schreie in den Äther. Wahrlich, «Deprive Of Vision» ist kein "Ich lass' mal so nebenher laufen" Album, denn es gibt viel zu entdecken. Die Axt-Fraktion besticht durch Fingerfertigkeit und ein Gehör für abwechslungsreiche, brachiale Riffs während die galoppierenden Drumparts den jeweiligen Rhythmus vorgeben. Thy Gnosis sind definitiv eine Truppe, die man sich merken muss. Sobald sie sich für einen Stil festlegen und diesen nur noch verfeinern müssen, wird das Quintett schon bald ganz vorne im Genre mitmischen. Freude herrscht!
Oliver H.