Das ist keine Musik für Leute, die beiläufig durch Playlists scrollen, während sie auf ihr Handy schauen. Es ist Musik für Zuhörer, die bereit sind, tief einzutauchen – in Atmosphäre, Unbehagen, Spannung, Abstraktion und jene seltsamen Orte, an denen Metal aufhört, sich wie Metal zu verhalten. Auf diesem Album passiert so viel, dass es fast unehrlich wäre, es auf "gut" oder "schlecht" zu reduzieren. Also STOP hier oder... – sind das die Metal-Söhne von King Crimson? Ehrlich gesagt, manchmal fühlt es sich wirklich so an.
Trelldom haben sich mittlerweile so weit vom konventionellen norwegischen Black Metal entfernt, dass Genre-Puristen vielleicht gar nicht mehr wissen, wie sie das hier nennen sollen. Und vielleicht ist genau das der Punkt. Unter der Leitung von Gaahl scheint die Band nicht mehr daran interessiert zu sein, die Vergangenheit nachzubilden. Stattdessen fühlt sich «...by the word...» wie ein bewusster Versuch an, musikalische Komfortzonen zu zerstören und sie durch Unsicherheit, Unbehagen und hypnotisches Eintauchen zu ersetzen.
Der Eröffnungstrack «When This Was Young» klingt wie das Betreten einer verbotenen Kammer unter einer einstürzenden Kathedrale. Seltsame Drones, ritualistische Percussion und ferne Texturen tauchen langsam aus der Dunkelheit auf, während Gaahl Worte vorträgt, die eher wie Beschwörungsformeln als wie Songtexte wirken. Die Spannung entsteht nicht durch Geschwindigkeit oder Brutalität, sondern durch das ständige Gefühl, dass die Musik jeden Moment ausser Kontrolle geraten könnte.
Und dann kommt das Saxophon.
Nun kann ein Saxophon im Metal leicht zu unerträglicher Spielerei verkommen. Hier jedoch sind die Beiträge von Kjetil Møster absolut essenziell für die Identität des Albums. Sein Spiel sitzt nicht ‘auf’ der Musik, sondern durchdringt sie. Manchmal klingt das Instrument wie eine ferne Warnsirene, die durch den Nebel schwebt. An anderen Stellen verhält es sich fast wie ein zweiter Sänger, der sich innerhalb der Songs mit Gaahl streitet.
In Kombination mit dem phänomenalen Schlagzeugspiel von Kenneth Kapstad, dessen Jazz-Hintergrund die Rhythmen ständig in unerwartete Richtungen lenkt, entwickelt das gesamte Album einen bizarren Puls, der irgendwo zwischen Progressive Rock, experimentellem Jazz und psychologischem Horror angesiedelt ist.
Und ja, Vergleiche mit King Crimson lassen sich manchmal nicht vermeiden. Nicht, weil Trelldom sie klanglich kopieren, sondern weil sie dieselbe furchtlose Bereitschaft teilen, Strukturen zu zerlegen und sie zu etwas beunruhigend Fremdem wieder aufzubauen. Der Unterschied besteht darin, dass Trelldom diesen Geist in eine von skandinavischer Dunkelheit und existenziellem Verfall durchtränkte Atmosphäre einfliessen lassen.
Gaahl selbst dürfte viele Zuhörer am meisten überraschen. Wer endloses, dämonisches Kreischen im Stil alter Gorgoroth Alben erwartet, sollte sich auf etwas völlig anderes gefasst machen. Ein Grossteil des Albums stützt sich auf gesprochene Passagen, zurückhaltenden Klargesang, Flüstern und unheimliche Gesangsüberlagerungen. Das Ergebnis ist seltsam intim und zutiefst beunruhigend. Es klingt weniger wie ein Frontmann, sondern eher wie eine Gestalt, die die Hörer tiefer in einen zunehmend instabilen Traum führt.
Stücke wie «By The Word» und «Folding The Mind» werden so zu fast rituellen Erlebnissen statt zu traditionellen Songs. Das Album zieht uns ständig nach innen, anstatt nach aussen zu explodieren. Selbst die härteren Momente vermeiden billige Effekthascherei. Trelldom versuchen nicht, allein durch Aggression zu schockieren, sondern sie wollen psychologische Immersion erreichen. Sie wollen Spannung. Sie wollen Desorientierung.
Was das Album besonders faszinierend macht, ist, dass es sich trotz aller Experimente immer noch organisch anfühlt. Die Produktion wirkt nie übermässig poliert oder steril. Kenneth Kapstads Schlagzeug klingt warm, körperlich und lebendig. Das analoge Gefühl der Percussion verleiht dem gesamten Album einen Puls, der den umgebenden Wahnsinn geerdet genug hält, um immersiv zu bleiben, statt in bedeutungsloses Chaos zu versinken.
Auch die physische Aufmachung verdient Erwähnung. Das 36-seitige Hardcover-CD-Artbook erweitert das Erlebnis laut Berichten visuell durch kuratierte Kunstwerke unter der Leitung von Gaahl selbst. Dadurch wird das Album eher zu einem vollständigen künstlerischen Statement als zu einer weiteren Extreme-Metal-Veröffentlichung.
«...by the word...» wird daher zu einem unglaublich lohnenden Abstieg in die Dunkelheit. Verworren? Auf jeden Fall. Verrückt? Ohne Frage. Vergesst die üblichen Genre-Definitionen! Trelldom erschaffen etwas weitaus Seltsameres.
Lukas R.