
Swiss Hard Rock and Heavy Metal Magazine since 1999
You can reach us via email or phone.
+41 (0) 79 638-1021
Metal Factory since 1999
"...Wir sind mit der aktuellen Platte jetzt schon lange unterwegs, aber nun darf wirklich etwas Neues kommen..."
Kärbholz – eine Deutschrockband, die ohne Skandale auskommt, seit achtzehn Jahren in derselben Besetzung spielt und schlicht Freude hat, an dem, was sie tut – hat heutzutage Seltenheitswert. Mit «Sturm zieh auf» erscheint am 25. September 2026 die neue Platte der Vollgas Rock'n'Roller aus Ruppichteroth. Als das Quartett im Line-up des "Brienzersee Rockfestivals" auftauchte, stand mein Entschluss, ein Interview mit Kärbholz zu machen, schnell fest. Am Festivaltag klingelte der Gitarrist Adrian Kühn durch und bat mich, doch beim Soundcheck mal reinzuschneien.
Der Deal war unter Dach und Fach. Als ich jedoch zur bestellten Zeit vor Ort eintraf, war es totenstill. Die Technik verweigerte dem Vierer den Dienst. Kurz darauf war die ‟Ratte” gefunden und der erlösende Soundcheck ging lautstark über die Bühne. Im Anschluss war Kärbholz die Erleichterung anzumerken, und Euphorie bedingt hatten plötzlich die restlichen drei Musiker auch Bock auf ein Interview. So sassen wir also, bei einem frischen Bier am See und quatschen gemütlich, wie alte Kumpels.
MF: Moin zusammen, seid ihr gut angereist und wie ist euer erster Eindruck des Brienzersee Rockfestivals?
Henning: Ganz, ganz toll! Eine wundervolle Kulisse, eine gute Organisation, soweit ich das beurteilen kann. Klasse! Kann nur gut werden!
Torben: Ist echt schade, dass ich nicht noch morgen und übermorgen bleibe…
Stefan: Ja, ich bleibe (lacht). Ich bin eben schon seit Montag hier und bleibe noch bis Samstag.
MF: Nach drei Jahren Produktionspause erscheint mit «Sturm zieh auf» am 18.09.26 euer 13. Album. Was habt ihr in der produktionsfreien Zeit gemacht?
Adrian: Tatsächlich viel am Album gearbeitet, dann waren wir auf Tour. Also untätig waren wir nicht (lacht). Wir haben uns bewusst viel Zeit gelassen dieses Mal.
Torben: Erstmalig drei Jahre.
Adrian: Ja, erstmalig drei Jahre zwischen zwei Alben in 20 Jahren Bandgeschichte und es ist übrigens nicht das 13. Album, sondern das 12.
MF: Oh, tut mir leid! Ich bin ja top vorbereitet, wie ihr seht…
Adrian: Machen wir uns mal nicht älter, als wir sind (Gelächter). Ich musste aber auch kurz überlegen, denn mit unseren letzten beiden Platten haben wir schliesslich auch die elfte vor der zehnten herausgebracht (lacht). Also, schon früh gab es ein paar Ideen, an neuen Songs zu arbeiten, aber wir waren erst so gar nicht in der richtigen Stimmung. Wir haben vor drei Jahren ein Doppelalbum gemacht, das aufzunehmen, war schon ganz viel Arbeit. Von daher war es ganz gut, dass wir uns ein Jahr länger Zeit genommen haben, denn nach diesen Aufnahmen hatte echt keiner Bock im Proberaum an neuen Sachen zu arbeiten (Gelächter).
Torben: Lass uns das Nötigste tun, damit wir den nächsten Gig überstehen, aber mehr war da nicht zu holen.
Henning: Songwriting hast du aber schon betrieben, parallel dazu, oder?
Adrian: Ja! Rüge an euch drei! Ich habe ein paar Sachen reingegeben, um daran zu arbeiten aber von euch hatte keiner richtig Lust! Dann hatte ich plötzlich 35 Songideen und sagte zu den Jungs: „So, jetzt müssten wir mal!“ (Gelächter). Es war aber schon gut so. Ich war für mich selber kreativ, aber als Band haben wir ein Jahr nichts Neues zusammen erarbeitet. Dafür haben wir viele Konzerte gespielt. Wir sind mit der aktuellen Platte jetzt schon lange unterwegs, aber nun darf wirklich etwas Neues kommen.
”…wir sind überdemokratisch. Es geht nicht bloss um eine Mehrheit, sondern erst wenn wirklich alle einverstanden sind, landet der Song auf dem Album…”
MF: Wie liefen denn die Arbeiten um Studio? Hattet ihr da wieder richtig Bock?
Torben: (lacht) Ja, nachdem der Bock wieder da war, lief es richtig gut. Der Adrian war wirklich kreativ, denn als er von seiner zweimonatigen Auszeit zurückkam, meinte er bloss, dass er nun 42 Songideen hätte und es langsam Zeit würde.
Henning: Wir haben dann angefangen jeden Song einmal anzuspielen. Adrian macht zu jedem Song eine klassische Lagerfeuer-Version, die wir dann im Proberaum, wo wir auch ein kleines Studio haben, aufnehmen können. Wenn die Songs nämlich als Lagerfeuer-Version funktionieren, kann etwas Gutes daraus entstehen. Das wissen wir nach all den Jahren. Also wurde probiert, ausgedehnt, verworfen und Verschiedenes miteinander kombiniert. Mit der Zeit haben sich dann jene Songs herauskristallisiert, die es tatsächlich aufs Album schaffen könnten und die haben wir dann ernsthaft beackert.
Adrian: Ich nehme immer irgendwelche Riffs auf für die Lagerfeuer-Version, ganz peinliche Riffaufnahmen, auf dem Handy. Wenn du dann einen Song hast, der als Akustikversion funktioniert, dann hast du die Seele eines Songs, dann kannst du ganz viel rundherum packen. Es kann bei einer Ballade bleiben, kann jedoch auch ein Metal-Stück werden. Bei uns ist das Auswahlkriterium eigentlich immer der Textinhalt. Wir wohnen zwar alle im gleichen Kaff, haben jedoch vier ganz unterschiedliche Leben. Wenn mich gerade etwas beschäftigt, dann heisst das noch lange nicht, dass es die anderen auch beschäftigt, oder dass sie einen Draht zu diesem Thema haben. Da sind wir überdemokratisch. Es geht nicht bloss um eine Mehrheit, sondern erst wenn wirklich alle einverstanden sind, landet der Song auf dem Album.
Torben: Ja, es ist sehr harmonisch bei uns. Erst wenn ein Song 100% überzeugt, hat er eine Chance aufs Album.
MF: Also habe ich es richtig verstanden, dass die Songs fertiggestellt sind, wenn ihr ins Studio geht?
Torben: Es passiert immer noch viel im Studio, aber eher vom Sound und von den Arrangements her, aber nicht vom Textinhalt.
Adrian: Also dank Stefan und Torben hatte unsere erste neue Single, «Dämmerlicht», eine lange Reise durch ganz tiefe Täler. Henning und ich waren dann im Studio, und nach einer Flasche Rotwein entstand der Song mit neuem Text und dann waren die anderen Jungs auch damit im Reinen. Manchmal müssen die Songs schon ihre hundert Runden drehen. Manche wurden auch schon aussortiert und haben es schlussendlich doch noch aufs Album geschafft.
MF: Das ist doch aber genau das Schöne, dass die Fans Songs erhalten, die noch echt entstehen dürfen und nicht am Reissbrett entworfen wurden.
Adrian: Wir haben das alle schon einmal am Rechner ausprobiert, aber wie Henning bereits sagte, nahmen wir die Sachen im Proberaum auf, ohne High-End-Equipment. Wenn ich dann ein paar Spuren einspiele, ist man verdammt schnell verleitet, immer etwas mehr draufzupacken. Hier noch etwas Delay, da noch eine 16te Gitarre, das Schlagzeug auch doppelt und der Bass soll klingen wie bei Slayer. Dann lade ich mir so eine Slayer-App herunter (Gelächter). Du siehst, wenn wir anfangen so hoch zu komponieren, dann werden unsere ersten Konzerte ganz schöne Downer werden (Gelächter), weil wir dies so niemals auf die Bühne bringen, wenn wir nicht alle Spuren parallel dazu laufen lassen. Von daher ist das Konzept, dass ein Song als Lagerfeuer-Version und inhaltlich funktionieren muss, sicher nicht ganz falsch. Wir singen ja in Deutsch und sind zu 99,9% in deutschsprachigen Ländern unterwegs, was den Gehalt des Inhalts nicht unerheblich macht.
MF: Was dürfen denn die langjährigen Fans vom neuen Album erwarten?
Henning: Besonders die altgedienten Fans haben mit der Zeit zurückgemeldet, dass sie die rauen alten Tage etwas vermissen. Wir haben uns das immer freigehalten, denn wir sollten unserer musikalischen Weiterentwicklung nicht selbst im Weg stehen. Wir haben auf den vergangenen Alben genug experimentiert, was ein paar ziemlich starke Ausreisser zur Folge hatte. Die hat uns zum Glück aber niemand vorgehalten, sondern sie wurden akzeptier. Aber gerade in der heutigen Zeit, in der sich viele hinsetzen und einen Song am digitalen Reissbrett zusammenbauen, wollten wir das nicht, sondern die Live-Energie soll bereits auf der Platte hör- und spürbar sein. Wir finden, dass wir musikalisch gereift sind, es aber auch eine Reminiszenz an unsere Anfangszeiten ist.
(Schweigen!)
Adrian: Ich glaube die Bedeutung von Reminiszenz musst du erklären (Gelächter).
Henning: Den Chapeau, den Hut ziehen vor unseren Anfängen (Gelächter).
Stefan: Ach, das meint er.
MF: Seht ihr einen markanten Unterschied zu den früheren Veröffentlichungen und wenn ja, welcher?
Adrian: In erster Linie glaube ich, dass das neue Album keinen Ausreisser enthält. Ich glaube, dass dieses Album ganz stringent in sich selber ist. Stringent? (Gelächter) Muss ich erklären, was die Bedeutung von stringent ist?
Torben: Sag geradlinig…
Adrian: Wir haben es noch gar nicht probiert. Zur Erklärung: unsere Plattenfirma hat das Album erhalten und war voll des Lobes aber sagte dann: «das ist total toll, aber das kommerziell auszuwerten ist total schwierig. Wo ist denn da unser Radiosong?». Hey, ich meine, es gab seit acht oder zehn Jahren immer einen Radiosong aber eine Radio-Band sind wir deswegen auch nicht geworden. Ich glaube ganz ehrlich, dass die Leute am Wacken oder bei unseren Konzerten den Radio-Song nicht vermissen werden. Wir haben wirklich gekuckt, aus diesen 42 Ideen, was am Ende daraus wird. Und ohne darüber nachzudenken, ist diesmal aus keinem eine Pop-Nummer geworden, was man dem ganzen Album bereits anhört. Vermutlich ist der Unterschied, dass man als Fan, die neuen Songs nur dem neuen Album zuordnen kann. Das ist wohl der grösste Unterschied zu früheren Sachen. Gerade zu den letzten beiden Scheiben, die eher punkig ausgefallen sind, ist das neue Album wieder Metal lastiger geworden.
MF: Du hast etwas ganz Wichtiges angesprochen! Ihr singt clevere Texte in Deutsch, und ich gehe davon aus, dass „Sturm“ in «Sturm zieh auf» sicher eine Bedeutung für euch hat, oder?
Adrian: Auf jeden Fall! Der Opener heisst «Sturm zieh auf», der hatte den Namen bereits vor dem Album. In dem Song geht es darum, dass ein Verlangen, ob von Innen oder von aussen, einen aus der Komfortzone rausbringt und auch einmal ungemütlich sein darf. Das ist ein sehr starkes Bild, das mit Sicherheit über eine persönliche Sichtweise hinausgeht. Das kannst du sicher auch politisch sehen. Ein Sturm ist etwas Unvorhersehbares. Man kann auch ganz salopp sagen, dass nach dem Sturm die Luft wieder klar ist. Mal so ein richtiger Streit mit sich selber, um zu merken, dass man völlig falsch lag. Das kann auch dabei helfen, wieder klarer zu sehen.
MF: Du hast "ungemütlich" erwähnt. Die Diskussionen um Deutschrock-Bands kochen zumindest in Deutschland momentan regelrecht über! Frei.Wild oder auch Elli Berlin wurden an den Pranger gestellt. Was treibt euch vier eigentlich noch an, in der heutigen Zeit Deutschrock zu machen? Einfacher ist es ja wirklich nicht geworden.
Torben: Aktuell ist es echt wieder schwierig, davor war es eine Zeitlang voll gut. Momentan wird es wieder komplizierter um das ganze Thema. Ich weiss, was ich tue und worauf ich Bock habe und sehe keinen Grund, meine Energie darauf zu verschwenden.
Adrian: Für mich müsste man erstmal definieren, was denn Deutschrock ist. Weil so wie du es jetzt sagst, hat Deutschrock mit den Textinhalten der Bands zu tun. Ich würde klar sagen, dass wir Deutschrock machen, da wir Rockmusik mit deutschen Texten haben. Da ist inhaltlich nichts Falsches daran. Ich kann über Monster, Drachen, Sehnsucht oder auch über Politik singen, aber Deutschrock hat ja diesen Stempel durch Bands bekommen, die in der gesellschaftlichen Wahrnehmung, ein fragwürdiges rechtes Spektrum vertreten, das immer etwas mit Heimatliebe oder „wir Kleinen gegen die da oben” zu tun hat. Das musst du bloss googeln und kriegst alles um die Ohren gepfiffen. Ich glaube, dass Deutsch eine unfassbar schöne und tiefe Sprache ist, denn es macht unfassbar viel Spass auf Deutsch zu texten, seine Gedanken in Schriftform zu verfassen. Diese Muttersprache dann auch von den Leuten zurückzubekommen, da sie alles aufnehmen können, ist ein irres Gefühl.
Auch bei unseren Texten muss man zwischendurch eine oder zwei Ebenen tiefer denken, dennoch haben sie nicht diese Zweideutigkeit. Da sind unsere Texte wirklich anders. Wir haben uns noch nie als eine politische Band verstanden, die die Wahrheit, die übrigens allgemeingültig ist, gepachtet hat und die den Leuten unter die Augen reibt, sondern wenn wir politisch wurden, haben wir daran appelliert, die Dinge zu hinterfragen. Eine ganz einfache Lösung, zu einem komplizierten Thema sollte einfach stutzig machen. Sei mündig, informiere dich und dann kannst du eine Meinung haben. Wenn du deine Haltung nämlich richtig argumentieren kannst, dann darfst du jede Meinung der Welt haben. Es ist aber wichtig, dass du sie argumentierst und nicht einfach jemandem hinterherläufst. Rassismus ist auch so ein Thema, das zwar nicht unbedingt politisch ist, sondern einfach mit gesundem Menschenverstand angegangen werden sollte. Von daher brauchen wir uns nie komisch zu fühlen, dass wir auf Deutsch singen. Das finde ich ganz ganz wichtig.
MF: Dann habt ihr euch nie Gedanken darüber gemacht, dass ihr einmal an der Stelle von Frei.Wild stehen könntet? Immerhin haben sie nach Jahren die Onkelz abgelöst und auch unbescholtene Künstlerinnen wie Elli Berlin sind heute betroffen.
Henning: Das Ding ist ja, wie Thorben schon gesagt hat, wir wissen, was wir machen und wissen wofür wir stehen. Das hat sich nicht grossartig geändert in den letzten Jahren, denn wir wollten Politik immer aus unserer Musik raushalten. Den Stempel versuchen dir dann immer andere aufzudrücken. Was du dann in so einer Situation machst, ist erst einmal reaktionär. Bis jetzt sind wir immer gut damit gefahren, wie wir gefahren sind. Wir haben unsere Meinung, aber wir lassen uns nicht vor einen Karren spannen. Wir haben Bock Musik zu machen, denn wir finden in der Musik unseren Seelenfrieden.
Du kannst deinen Scheiss des Alltags vergessen, mal für zwei Stunden die Seele aus dem Leib tanzen, rumbrüllen oder sonst irgendwas. Du kannst einfach frei deine Emotionen rauslassen und mit den Leuten eine gute Zeit haben. Das ist mit ein Grund, weshalb wir so wenige politische Texte haben. Wenn es dann doch eine Situation gab, in der wir dachten, dass sie so beschissen ist, dass etwas gesagt werden muss, dann haben wir dies auch gemacht aber auf eine Art und Weise, die zu uns passt: mach dich schlau und hinterfrag die Angelegenheit. Musik ist für uns Emotion, Lebensfreude und das ist es, was wir machen wollen und nicht Politik. Das wäre auf Dauer viel zu anstrengend, den Leuten zu sagen, was richtig und falsch ist.
Adrian: Wir folgen auch unseren textlichen Inhalten. Zum Beispiel «Schwarz und Weiss», da geht es darum, dass du tausendmal deine Meinung vor Leuten sagen kannst, die eh schon deiner Meinung sind. Damit wirst du die Welt nicht verbessern. Und wenn du schon auf Bands wir die Onkelz und Frei.Wild zu sprechen kommst: klar, die Onkelz haben in der Mitte der 80er irgendwelche Fascho-Parolen vor sich hergebrüllt, da waren die 16 Jahre alt. Also wer von uns kann sich auf die Fahne schreiben, mit 16 Jahren wirklich nur extrem Schlaues von sich gegeben zu haben (Gelächter). Also, ich nicht! Aber sie sind auch eine Band, die über Jahrzehnte so viele Menschen anspricht und einige der wichtigsten Antirassismus-Songs herausgebracht hat.
Oder dann eben Frei.Wild, wo andere Bands zu uns kommen und meinen: «Ihr könnt doch nicht mit denen auf einem Festival auftreten!». Aber genau das haben wir getan. Vor genau 18 Jahren haben wir eine Tour mit ihnen gefahren. Da hat das ganze etwas angefangen mit Vorwürfen à la „Uh, Frei.Wild! Die sind doch irgendwie…” und dann haben wir ganz persönlich mit ihnen gesprochen und ganz persönlich festgestellt, dass wir sie nicht für Faschisten halten. Ganz ehrlich, wir waren auch nicht überall mit ihnen auf einer Linie aber das bedeutet noch lange nicht, dass wir die Bühne nicht mehr miteinander teilen. Das ist sehr schade, dass Bands andere Bands von Festivals runterekeln, weil diese nicht 100% der eignen Agenda entsprechen. Das ist so mutlos!
In so einem Fall würde ich sagen: „Lieber Veranstalter, ich möchte bitte direkt vor dieser Band spielen, damit ich den Leuten mitteilen kann, dass ich die und ihre Inhalte extrem beschissen finde.” Da wird es dann ein bisschen knapp. Da reicht es einfach nicht, Anti-Nazi-Statements auf Facebook zu posten und sich irgendeine Regenbogenfahne auf den Rücken zu kleben, damit das irgendeine Art von Impact generiert. Es ist so mutlos und feige, wenn man nicht mehr mit jemandem sprechen kann, der nicht 100% derselben Meinung ist, wie man selbst. Aber nochmal; wir würden nie mit ihnen (Frei.Wild) spielen, wenn wir irgendwie das Gefühl hätten, dass sie Rassisten sind. Das würden wir nicht tun!
MF: Danke für euer klares und ehrliches Statement! Es ist das erste Mal, dass jemand wirklich Stellung bezogen und nicht gekniffen hat.
Adrian: Klar, es kann heikel sein, aber wenn man nichts zu verbergen hat…
MF: Ich finde es eine sehr spannende Thematik, denn die Mehrheit muss nicht zwingend die Wahrheit sein, aber es ist, wie du vorhin gesagt hast, einfacher mit dem Strom zu schwimmen.
Adrian: Rede mit Leuten, die nicht deiner Meinung sind. Wenn du zwei von zehn dazu bringst, wenigstens über das Gesagte nachzudenken, dann hast du etwas erreicht.
MF: Du hast es bereits kurz angeschnitten. Themen wie Leben, Liebe, Freiheit, das Ganze mit ganz viel Gefühl verpackt, ist meiner Meinung nach das, was Kärbholz ausmacht. Ist Adrian wirklich der alleinige Texter und Komponist oder trägt der Rest der Band auch noch etwas dazu bei?
Alle: Gelächter!
Torben: Es ist tatsächlich so, dass sich Adrian in den letzten Jahren zu unserem Mastermind entwickelt hat. Bei den letzten Alben hat wirklich kein anderer zum Text beigetragen. Aber er geniesst auch unser vollstes Vertrauen und man hört, dass es funktioniert.
Henning: Es ist so, wie Adrian gerade sagte. Wir sind vier unterschiedliche Individuen und führen vier unterschiedliche Leben, aber wenn Adrian mit einem Song kommt, dann kann sich jeder von uns in irgendeiner Art und Weise da drin wiederfinden. Das ist genau das Schöne! Es muss für mich nicht dasselbe bedeuten, wie für Adrian, Torben oder Stefan. Wichtig ist, dass ich mich damit identifizieren und es auf der Bühne präsentieren kann, als hätte ich den Song geschrieben. Das machen wir seit 18 Jahren so, also 18 Jahre deshalb, weil ich erst seit 18 Jahren dabei bin (lacht) aber das passt einfach wie Arsch auf Eimer. Das ist wirklich das Schöne!
Stefan: Wenn es doch mal einen Text gibt, mit dem einer nicht zurechtkommt, dann kommt er auch nicht aufs Album. Wenn man den Text nicht versteht oder es anders empfindet…
Torben: Das kristallisiert sich zum Glück schon bei den Proben sehr früh heraus.
MF: Das ist doch perfekt! Perfekter als in mancher Familie, wo sich jemand über alle stellt und bestimmt, was gemacht wird.
Torben: Ja, solche Bands haben wir auch kennengelernt.
Adrian: Ich denke, dass es auch nur so funktionieren kann. Entweder seid ihr mit mir und wir machen alles so, wie ich es sage oder wie in unserem Fall, erst müssen alle zu 100% dahinterstehen, dann machen wir es.
Torben: Das ist vielleicht das, was unser unverändertes Bandgefüge ausmacht. So viele Bands haben über die Jahre etliche Mitgliederwechsel, das kommt meines Erachtens nicht von ungefähr. Wir sind wirklich eine grosse Familie und das ist echt super. Wenn wir zum Beispiel einen neuen Techniker kriegen, dann meint der innert kürzester Zeit, dass er noch nie so eine handzahme Band erlebt hätte.
Adrian: (spassig) „ich wurde noch nie fürs Saufen bezahlt!” (Gelächter)
Torben: Diese Energie spürt man einfach. Das spüren auch die Leute da draussen. Sie spüren, dass wir Spass haben. Wir haben letzte Woche gerade in Wacken gespielt und so viele Leute, die uns am Fernseher verfolgt haben, haben rückgemeldet, dass man uns den Spass einfach ansieht. Ich denke, dass es so rüberkommt, gerade weil es echt ist.
MF: Authentizität ist wichtiger, denn je! Gerade für die Fans, zu wissen, dass sie nicht bloss eine Show sehen, sondern euch als Individuen erleben dürfen, ist toll.
Torben: Genau! Wenn das überspringt, dann haben wir schon viel richtig gemacht.
”…das ist, wie wenn dein Kind zu dir kommt und fragt, wie du denn seine Zeichnung findest…”
MF: Stichwort Tour und Fans: seid ihr nach all den Jahren eurer Existenz noch gespannt, wie die Songs ankommen oder könnt ihr da zweifelsfrei auf eure Fans zählen?
Henning: Zum Glück haben wir eine sehr treue Fangemeinde, auf die wir zählen können. Aber dennoch bibbern wir davor, nicht zu wissen, wie die neuen Songs aufgenommen werden. Du machst ja einen Seelenstriptease, also Adrian an der Stelle am meisten (lacht), aber grundsätzlich hat jeder von uns viel Herzblut in das Projekt gesteckt, in diesem Fall zwei ernsthafte Jahre Arbeit, dann ist es natürlich aufregend. Klar, du wünschst dir natürlich, dass es den Fans gefällt, denn du selbst findest es ja total geil. Das ist, wie wenn dein Kind zu dir kommt und fragt, wie du denn seine Zeichnung findest. Natürlich finde ich dies immer geil (lacht). Wenn wir uns immer sicher wären, dann wäre es auch langweilig. Dann hätten wir einfach eine geile Platte gemacht und gut ist.
Adrian: Es schlägt sich natürlich auch im Songwriting-Prozess nieder. Sich zu sagen, wir schauen jetzt nicht nach hinten, auf das, was wir gemacht haben, sondern machen das, was wir gerade Bock draufhaben. Es ist ja auch entgegen dem, nur das zu tun, was dem Fan gefallen könnte. Wir machen wirklich das, wozu wir Lust haben. Wenn es dann noch dem geneigten Hörer gefällt, dann ist es doch perfekt. Man könnte schliesslich immer auf Nummer sicher gehen, aber da nimmt man sich ein Stück Entwicklung raus. Ich habe gerade ein bisschen Angst. Wenn’s nicht gefällt, wäre das richtig doof!
Alle: Gelächter, weil gerade der ‟nackte” Lichtmann von Kärbholz in Windeseile aus dem ‟Teich” steigt, damit er nicht vom Schwan gefressen wird.
MF: Welcher Titel darf eurer Meinung nach auf keinen Fall im Set fehlen?
Torben: Also zwischenzeitlich ganz eindeutig «Tiefflieger». Das ist definitiv der Song, der dermassen durch die Decke ging…
Adrian: Und… ich bin ja so ein Vinyl-Hörer. Ich habe so alles Vinyl zusammengekramt, und «Tiefflieger» war auf dem Album «Karma». Dann gucke ich mir die Platte so an und «Tiefflieger» ist da gar nicht drauf.
Torben: Ach Quatsch!
Adrian: Wir haben den Song nur auf CD gepackt, denn auf Vinyl hat es einfach längenmässig nicht gepasst. Dieser Song war also ein Lückensong, so ein ganz billiger Scheiss, mit einer eingängigen Melodie. Auf Vinyl kommt der aber ganz sicher nicht. Wer sich den anhören will, soll sich den Track runterladen. Auch unser Management hat nie an den Song geglaubt, doch trotz all der guten anderen Songs, ging genau dieser voll durch die Decke (Gelächter).
Torben: Also wenn wir den nicht spielen, dann würden die Leute uns wirklich lynchen.
Adrian: Ich finde rein spielerisch «Raubtier» sehr interessant.
Henning: Ja, der macht Ultraspass!
Torben: Ja, spielerisch ist noch einmal ein ganz anderes Thema.
Stefan: Mittlerweile ist es ganz schon schwierig, eine Setliste zu bauen.
Henning: Und wie Adrian gerade sagte, es gibt Songs, die spielerisch dermassen Spass machen, aber irgendwie nicht gezündet haben, live zumindest nicht. Dann müssen wir die eben weglassen.
MF: Zwangsweise…
Adrian: Da hören wir dann doch eher auf die Fans (Gelächter).
MF: Mir ist noch aufgefallen, dass ihr als Support abwechselnd immer mal wieder Celtic Rock-Bands wie The O’Reillys And The Paddyhats oder aktuell The Green Goblins im Gepäck habt. Ist das Musik, die euch persönlich auch gefällt?
Stefan: Ja, es ist Musik, die wir auch gerne hören und die jede Menge Spass macht. Durch die verschiedenen Stile ist den Fans ein abwechslungsreicher Abend garantiert. Wir hatten auch schon englischsprachige Bands dabei, und ich denke auch an die Zuschauer, für die es doch viel interessanter ist, nicht zwei oder dreimal pro Abend dasselbe zu hören.
MF: Es ist aber auch mutig, denn gerade im Metal-Segment, wenn man sich etwas Neues traut, kommen schnell die Quäker, die die Nase rümpfen und sich über das zu diverse Lineup beschweren.
Henning: Das sehen wir dann als unseren Bildungsauftrag, den Leuten noch andere Musik näherzubringen (lacht). Also, wenn ich auf Konzerte gehe und sich vier Bands gleich anhören, dann gehe ich nach der zweiten Band nach Hause. Dann lasse ich auch die Hauptband sausen, denn bis dahin habe ich bereits alles zweimal gehört, was total langweilig ist. Wir wollen natürlich auch ein bisschen Spass haben und deshalb kucken wir immer nach Bands, die uns auch gefallen und die anders sind als wir. Die Abwechslung macht es echt aus. Wenn es tolle Bands sind, wie die O’Reillys oder Mustache aus Schweden, die sorgen dann auch für die richtige Stimmung. Das Publikum war dermassen aufgeheizt, da hatten wir anschliessend leichtes Spiel, als wir auf die Bühne kamen.
Adrian: Für unser Festival, unser Heimspiel bei unserem Festival zuhause, da kommen über Tag jeweils 300'000 Leute, schön mit Camping und das ganze Dorf ist involviert. Da haben wir am Anfang auch mal etwas anderes gemacht und da haben die Leute auch gemurrt, im Stil: „Was ist das denn jetzt? Da gehe ich lieber ein Bier trinken.” Doch mittlerweile kannst du Moon Shot geniessen, finnischer Pop-Rock, vom ehemaligen Children Of Bodom-Bassisten Henkka Seppälä, von dem wir uns in Sachen Theatralik auf der Bühne eine Menge abgucken können. Und Tanzwut oder Dirk Maron, der Wolfgang Petry covert. Die Leute kommen dahin und wissen, dass sie einen grossen Salat mit Allerlei kriegen. Das ist doch viel geiler, als das X-te Deutschrock-Festival aus dem Boden zu stampfen, bei dem eine Band ein bisschen besser als die andere klingt. Das ist uns sehr wichtig. Das haben wir schon von Anfang an so gehandhabt, alles möglichst breit zu fächern.
Henning: Beim Festival hört man vielleicht unsere vier Individuen heraus. Wenn wir nämlich zusammen auf Tour sind, kann es gut sein, dass wenn jemand Musik anmacht, einer es geil findet und die anderen drei Kacke. Klar haben wir auch immer eine kleine Schnittmenge, die für alle passt, aber wiederum prallen Einflüsse auf uns ein, die den jeweiligen Geschmack des anderen überhaupt nicht treffen.
Adrian: Aber deine Einflüsse sind auch manchmal grenzwertig… (lacht).
MF: Das macht es doch erst interessant und um eure Individualität in Szene zu setzen, habe ich zum Abschluss noch ein ‟entweder oder”-Spiel. Wasser oder Bier?
Torben: Bier
MF: Döner oder Bockwurst?
Adrian: Döner
MF: Stadion oder Club?
Stefan: Club
MF: Schlager oder Techno?
Henning: Techno (Gelächter)
MF: Strand oder Berge?
Torben: Oh Berge
MF: Glück oder Geld?
Adrian: Glück
MF: Single oder Partnerschaft?
Stefan: Partnerschaft
MF: Iron Maiden oder Judas Priest?
Henning: Der ist gemein! Da muss ich noch kurz ausholen. Wir haben uns erst auf dem Wacken wieder darüber unterhalten. Es gibt sowohl von Maiden als auch von Priest geile Songs, gar keine Frage, aber die hatten beide ihre Hochphase und dann kam nur noch langweiliger Scheiss. Tut mir leid! Ich weiss, dass dies jetzt Majestäts- und Gotteslästerung ist… ich entscheide mich nicht.
Adrian: Also, wenn wir jetzt wegen dir nicht deren Support werden, dann kannst du was erleben.
Henning: Das will ich eh nicht, weil wir wegen denen kein Banner aufhängen durften, ergo sind wir für Priest (Gelächter).
Adrian: Wir sagen Priest! Die haben uns noch nicht angeschissen (Gelächter).
MF: Sehr unterhaltsam, Jungs! Habt ihr noch ein Schlusswort, bevor wir diesen Zirkel auflösen?
Henning: Hört auf mit dem Scheisskrieg, hört Musik und habt euch lieb! Kommt zu uns auf die Tour, Oktober/November mit «Sturm zieh auf» im Gepäck. Wir haben Bock, es wird eine geile Zeit!