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"...Es ist kein Western-Movie artiges Bild geworden..."
Was ist ebenso konstant wie AC/DC? Wer hat einen ebenso unverkennbaren Gitarren-Sound wie Angus Young? Wer hat immer grandiose Sänger in seiner Band gehabt? Klar, des Bochumers Lieblingskind, Axel Rudi Pell. Auch mit seinem neusten Streich «Ghost Town» lässt sich der blonde Gitarrist auf keine Experimente ein, sondern verfolgt seine Ideen konsequent. Vielleicht hat der 66-Jährige die stilistische Reihenfolge der Tracks auf dem neusten Album verändert, aber das hält ihn nicht davon ab, seine One-Man Show weiter zu vollenden (auch wenn Axel weiss, dass er ohne seine Bandmitglieder Johnny Gioeli, Bobby Rondinelli, Volker Krawczak und Ferdy Doernberg nicht bestehen könnte). Die Songs, das Cover und die Texte stammen von ihm, wie auch die Produktion. Was fehlt da noch, ausser dem eigenen Label? Doch auch hier bleibt der Deutsche stur und ist seit seinen seligen Steeler Zeiten immer bei Steamhammer unter Vertrag gewesen. Was also gibt es Neues von Mister Pell zu berichten?
Axel: Hach, der Herr Fust (grinst). Ich bin mega im Stress mit all den Interviews und habe schon keinen Bock mehr (lacht).
MF: Du willst mir sagen, dass du keinen Bock auf mich hast?
Axel: Auf dich immer mein Lieber, das ist doch klar (grinst).
MF: Wie bist du auf den Titel «Ghost Town» gekommen?
Axel (lachend): Das weiss ich selbst nicht mehr. Zuerst kreierte ich das Cover-Artwork. Als ich das Endprodukt sah, dachte ich, «Ghost Town» würde passen. Es ist kein Western-Movie artiges Bild geworden. Mit Strohballen, die durch die Geisterstadt fliegen. Es ist ein anderes "Ghost Town".
MF: Existiert ein roter Faden zwischen den Texten und dem Cover?
Axel: Jeder der Texte steht für sich und ist unabhängig vom anderen. Es ist kein Konzept-Album, und ich habe keine bestimmte Linie verfolgt.
MF: «Guillotin Walk» beschreibt den Gang eines Todgeweihten, der sein Leben nochmals Revue passieren lässt. Wie bist du auf diese Geschichte gekommen?
Axel: Das ist eine gute Frage. Bei mir entstehen zuerst immer die Melodie und der Song. Keine Ahnung, wie ich auf den Titel gekommen bin, der ist mir zugeflogen. Den Text habe ich um den Titel herumgebastelt. Es ist alles fiktiv und nichts Persönliches.
MF: Von was oder wem lässt du dich bei den Texten inspirieren?
Axel: Von nichts! Ehrlich gesagt, las ich früher Bücher. Das mache ich aber schon lange nicht mehr. An meine neue Lesebrille muss ich mich erst noch gewöhnen (lacht). Zuerst habe ich immer den Titel. Darum bastle ich eine fiktive Geschichte. Bei einem anderen Track geht's um den inneren Schweinehund, den Dämon, den man besiegen muss, heisst diesen Kampf, den man meistens verliert. Bei mir ist es das Rauchen.
MF: Wie schreibst du deine Songs? An einem Tag oder über mehrere Wochen?
Axel: So wie immer in den letzten zwanzig, dreissig, fünfzig oder hundert Jahren. Ich setze mich hin, sammle Ideen und Riffs. Die werden zusammengesetzt, so wie immer. Ich starte mit meiner Hauskomponier-Phase drei Monate bevor ich ins Studio gehe. Es wird alles zusammengesetzt und dann folgen die Texte. Wenn ein Track fertig ist, kommen die Lyrics dazu. Erst dann mache ich mich ans nächste Lied. Früher waren zuerst alle Songs da und dann gings ans Texten.
"...Es ist immer alles neu bei mir..."
MF: Kommt es oft vor, dass du eine Idee verwirfst und Jahre später diese zu einem Song wird?
Axel: Es ist immer alles neu bei mir. Die alten Ideen werden nach der beendeten Produktion verschrottet. Die lösche ich von meinem Handy und Rechner. Das höre ich mir nie mehr an. Sind die Songs und das Album fertig, höre ich mir durchaus noch die Rest-Ideen an. Wenn ich da noch ein Mega-Riff entdecke, schreibe ich keinen neuen, weiteren Track, sondern baue die Idee in eine bestehende Nummer ein.
MF: Welcher Song ist deiner Meinung nach am besten gelungen?
Axel: Du kennst doch meinen Spruch, es sind alles meine kleinen Kinder. Nehme ich ein Baby raus, dann schreien die anderen. Das geht doch nicht. Ich finde alle cool und kann keinen herausheben. Aber ein spezieller wäre dann doch…! Nein, das war ein Scherz (lacht).
MF: Was war für dich dieses Mal anders als bei den Vorgängern?
Axel: Ich habe nichts anders gemacht als sonst. Vielleicht ein bisschen mehr auf den Rhythmus-Gitarren-Sound geschaut. Ich finde, dieses Mal klingt der kraftvoller. Ansonsten war alles wie immer. Ich habe meinen Jungs die Peitsche gegeben und als eigener Produzent gesagt: "Des spielst nochmal Bub, des war Scheisse!". Bobby muss ich nur anschauen, dann weiss er, was geschlagen hat (grinst).
MF: Wie kam es zum Duett mit Udo Dirkschneider?
Axel: Ich kenne Udo seit vierzig Jahren. Da trifft man sich immer wieder auf Festivals. Man kennt sich, als deutsche Legenden-Musiker (lacht). Als ich den Track fertig hatte, dachte ich: "Mensch, da könnte ein Duett mit Udo gut klingen". Ich hab die Jungs in der Band gefragt, wie sie das finden würden. Alle fanden die Idee klasse. Udo wollte sich den Song zuerst anhören, ob er passt und das Lied mag. Er fand es mega. So kam es zur Zusammenarbeit.
"...Das ist das Einzige, was Johnny von mir zu hören bekommt..."
MF: Du singst die Demos oft selbst ein, dieses Mal auch wieder?
Axel: Ja klar! Wenn der Song komponiert ist, singe ich die Gesangs-Melodie drauf. Silbengenau schreib ich zu meinem blöden "lalala" Gesang den Text und singe das Ganze nochmal ein. Das ist das Einzige, was Johnny von mir zu hören bekommt. Damit er weiss, was die Richtlinie ist. Ich behaupte nicht von mir, dass ich singen kann (lacht). Ab und zu treffe ich sogar die Note (lacht). Wenn du mich jetzt fragst, ob ich diese Lieder mit meinem Gesang jemals veröffentlichen werden? Nein (lachend)!!!
MF: Wenn du die Wahl hättest, mit welchem Sänger hättest du gerne ein Album aufgenommen? Ian Gillan, Ronnie James Dio, David Coverdale oder Joe Lynn Turner?
Axel: Ganz klar Dio! Er lebt leider nicht mehr. Ronnie ist und bleibt mein Lieblings-Sänger.
MF: Kaufst du dir noch immer Tonträger und Live-Alben von Deep Purple, Rainbow und Dio?
Axel: Eigentlich habe ich alles. Allerdings bestellte ich mir kürzlich ein Boxset (Rainbow: Temple Of The King 1975 - 1976). Da sind die ganzen Deutschlandshows von 1976 drauf, die ich eh schon alle doppelt und dreifach habe. Man muss alles besitzen. Bei einer fetten Box kann ich nicht widerstehen (grinst).
"...Das steht mein Name drauf, und ich muss mich dafür rechtfertigen..."
MF: Du komponierst, spielst, produzierst, machst das Cover, du bist der Alleinherrscher von ARP…
Axel: …das stimmt. Das steht mein Name drauf, und ich muss mich dafür rechtfertigen (lacht). Wenn irgendwas komisch klingt, dann bin ich schuld. Nicht der Musiker, sondern der Produzent. Würde ich einen anderen Produzenten reinholen, würde dies nicht funktionieren. In meinem Kopf existiert ein fertiges Bild vom kompletten Album. Mein Toningenieur weiss, was ich mir vorstelle (lacht). Kommt ein aussenstehender Producer dazu und will Dinge ändern, wäre meine Antwort: "Fuck you motherfucker!" Das funktioniert nicht und würde in Mord und Totschlag enden. Will ich nicht! Nein! Aus Schluss (lacht).
MF: Du spielst, du komponierst, du produzierst, wann kommt nun das eigene Label?
Axel: Nääää, das kommt nicht! Dann müsste ich eine Promo-Firma engagieren, und dazu habe ich keinen Bock. Es reicht, wie es ist!
MF: Trotzdem ist es eine Leistung seit vierzig Jahren, die Steeler Zeiten mitgerechnet, immer beim gleichen Label zu sein, das ja auch seine Turbulenzen hatte! Kam bei dir nie der Gedanke auf zu wechseln?
Axel: Die zwingen mich immer mit viel Geld zu bleiben (lautes Lachen). Nein, schön wärs (lacht noch immer). Das ist ein gegenseitiges Vertrauen. Ein anderes, vielleicht auch grösseres Label, will bevor man ist Studio geht, Demos hören. Dann verlangen sie noch nach einem Hit. Damit würde ich nicht klarkommen. Lasst mich bloss in Ruhe damit. Das erste Mal, wenn mein Label die Songs hört, ist, wenn sie das fertige Produkt in den Händen halten. Vorher gibts nichts. Von ihnen kommt auch keiner im Studio vorbei. Die vertrauen mir und sie wurden bis jetzt auch nie enttäuscht. Das gleiche Vertrauen habe ich auch, da ich die Jungs seit Ewigkeiten kenne, weiss wie sie arbeiten, was sie können und was nicht (lacht). Das passt alles super zusammen. "Never change a winning team!"
MF: Ist Loyalität eine wichtige Eigenschaft von dir?
Axel: Auf jeden Fall! Heute sagen dir alle wie nett du bist, und sobald du ihnen den Rücken zudrehst, steckt da gleich das Messer drin. Ich bin ein total loyaler Typ.
MF: Wirst du wieder eine zweigeteilte Tour spielen?
Axel: Ja, der zweite Teil folgt im September und Oktober. Ich kann so viel verraten, dass wir nochmals in die Schweiz kommen. Und jetzt rate mal wohin (lachend)?
MF: Z7?
Axel: Das könnte sein?
MF: Das wär ja mal schön, dich im Z7 zu sehen…
Axel: …endlich mal! (grinst).
"...Wir können keine drei Monate am Stück unterwegs sein..."
MF: Was reizt dich an dieser geteilten Tournee?
Axel: Das ist cool, weil ich zweimal im Jahr Geld verdienen kann (schallendes Gelächter). Es macht Spass! Wir können keine drei Monate am Stück unterwegs sein. Ferdy zum Beispiel muss arbeiten. Auch Volker hat seinen Job, bei dem er Programmhefte erstellt. Ich kann auch nicht Bobby drei Monate von seiner heissgeliebten Verlobten wegreissen, der würde mich erschlagen (grinst). Diese zweigeteilten Dinger sind grossartig, da wir auch immer in unterschiedlichen Venues auftreten. Okay, Bochum steht bei beiden Teilen auf dem Plan. Ich spiele gerne live. Dabei würde ich auch drei Mal im Jahr für drei bis vier Wochen "on the road" sein.
MF: Kannst du dir auch vorstellen, zwei unterschiedliche Sets zu spielen?
Axel: Nein, das geht nicht! Wir müssen diese ARP-Klassiker spielen. Wenn «Oceans Of Time», «Mystica» und «The Masquerade Ball» nicht im Set sind, werden wir gelyncht. Dazu wollen wir die neuen Lieder nicht vernachlässigen. Zudem müssten wir vor dem zweiten Teil nochmals exzessive proben. Das wäre ein völliges Chaos.
MF: Persönlich fehlen mir viele tolle Klassiker, die vielleicht nur einmal oder gar nie gespielt worden sind…
Axel: …wir bauen immer neue Tracks ein. Vom neuen Werk werden wir mindestens drei Songs aufführen. Das haben wir immer gemacht. Wenn sich eine Nummer nicht zu einem Klassiker entwickelt, der die gleiche Wirkung wie «The Maquerade Ball» hat, dann schmeissen wir ihn wieder raus. "Den haben wir schon das letzte Mal scheisse gefunden, wieso haut der Pell den nochmals raus?", solche Reaktionen der Fans braucht's nicht. Bei «Long Live Rock» hatten wir ein Super-Riff. Das ist auch ein geiler Song mit einem grossartigen Chorus. Der Track kam beim Publikum jedoch überhaupt nicht an. Das verstehe ich bis heute nicht. Aber die Leute wollten den nicht hören und somit fiel er aus dem Programm heraus.
MF: Du gibst wieder viele Interviews zum neuen Album. Wie gross ist dabei die Gefahr, dass man in ein sogenanntes "Promo-Geschwafel" verfällt? Würdest du lieber nur wenige davon geben und dann mehr auf Tour machen?
Axel: Ich fluche über die Anzahl der Interviews, aber es gehört zu meinem Job (grinst). Das macht auch Spass. Mit dir zu plaudern, macht immer Spass, wie auch mit ein paar andern. Es gibt supernette Leute, wie zum Beispiel aus dem Ami-Land, die völlig begeistert sind von «Ghost Town». Das gibt einem selbst auch eine Bestätigung.
MF: Du kommst in die Schweiz, genauer ins Bierhübeli Bern (06.04.2026). Da freue ich mich drauf, dich wieder zu sehen.
Axel: Ich mich auch! Danke dir, war wie immer sehr cool. Bleib gesund und auf bald.