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Montag, 08 Juni 2026 21:26

Bury Tomorrow – We Came As Romans – Boundaries – Ankor in Solothurn Empfehlung

08. Juni 2026, Solothurn - Kofmehl 
By Nemo

Festivalsaison. Diese sollte der Monat Juni eigentlich einläuten. Beim Blick aus dem Fenster wirkt es für mich allerdings nicht ganz danach. Während kühles, bewölktes Wetter bei mir auf grossen Gefallen stösst, wird mir jeweils beim Gedanken an lange Konzert-Anfahrten etwas bange.

Passend zum Wetter ist in den geschützten Räumen des Kofmehls ein hitziger Abend angesagt, der für so manche Metalcore-Fans jeden Aufwand rechtfertigen würde. Ankor, Boundaries, We Came As Romans und Bury Tomorrow versprechen ein dichtes, aber sehr differenziertes Programm. Von melodisch, elektronisch und modern bis brutal, breakdownlastig und Deathcore-nah ist alles dabei.

Für mich lohnte sich der Besuch nur schon wegen We Came As Romans. Auch wenn ich für gewöhnlich extremere Ausprägungen des Metals vorziehe, sind sie definitiv eine der Metalcore-Bands, die ich mir über die Jahre hinweg immer wieder gerne anhöre.

Frühzeitig losfahren ist also ein Muss, zumal man die zu querenden, teils mit hoffnungslosem Stau behafteten Autobahnkreuze nicht an einer Hand abzählen kann. Ankunft: Dreiviertelstunde nach Navi-Angabe. Einziger Trost: Die Leute aus der Westschweiz müssen dies wohl noch viel öfter auf sich nehmen.

Der Abend war aufgrund der vielen spielenden Bands dicht getaktet. Zwischen jedem Set gab es nur 20 Minuten Pause. Um die Wechsel effizienter zu gestalten, hatte man alle Schlagzeugsets zugleich auf die Bühne platziert. Dies hatte einige Platzeinbussen für die ersten Bands zur Folge.

Ankor
Die ursprünglich 2003 in Katalonien gegründete Band legte mit Frontfrau Jessie Williams einen heftigen Jumpstart hin. Diese vermochte ihr Talent überzeugend darzulegen. Während sie vor allem zwischen den Songs eine markante, fast erzählerische Ruhe in der Stimme hatte, die mich an die Sprecherin einer Sightseeing-Tour erinnerte, gelangen ihr auch die Wechsel zwischen Clean-Gesang und härteren Tönen in einer Weise, die man so sehr selten erlebt. Diese Kontraste waren insbesondere im Zusammenspiel mit der Musik sehr spannend. Die Growls wurden nuanciert eingesetzt und der Clean-Gesang war mit Sicherheit der sauberste des Abends.

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Diese Musik baut auf einer modernen Metalcore-Struktur auf und weist viele Einflüsse anderer Genres auf, etwa elektronischer Musik oder Pop. Diese Melange resultiert in einem sehr alternativen Metalcore, der einen unausgesprochen träumerischen Vibe hat, aber keineswegs ein Manko an Energie aufweist. Massgeblich dazu beigetragen haben die sehr verspielte, interaktive Bühnenpräsenz sowie die energetische Drummerin Eleni Nota, welche aufgrund der vollen Bühne ihr Schlagzeug leider ganz rechts in der Ecke und etwas im Dunkeln spielen musste. Den Gitarristen hingegen muss ich als wahren Showman loben. Die Synergie zwischen ihm und der Sängerin ist sehr unterhaltsam.

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Das bereits zahlreich erschienene Publikum liess sich, gerade in Anbetracht dessen, dass es sich um die erste Vorband handelte, ordentlich mitreissen und folgte allen Aufforderungen der Sängerin. Im Circle Pit konnte man circa achtzehn Personen zählen – gar nicht schlecht dafür, dass der Abend erst angefangen hatte. Ein Lights-in-the-Air-Moment brachte nochmals richtig Stimmung auf, gerade mit der Verteilung über die Treppen und den Balkon des Kofmehls. Mit einem letzten Growl des Gitarristen war das Set bereits vorbei. Richtig coole und unterhaltsame Opener, die ich bisher noch nicht kannte.

Boundaries
Viel Verschnaufzeit blieb dem Publikum nicht. Kaum wurde das Schlagzeug in der Ecke weggeräumt, ging es bereits mit einem deutlichen Kontrast zu vorhin weiter. Heavier und wilder als Ankor legten Boundaries mit einem tiefen, rifflastigen Sound los. Die Vocals lehnten sehr stark an Deathcore an und die Melodik war im direkten Vergleich zu vorhin verschwunden. Stattdessen stellt ihre Musik Breakdowns bewusst in den Vordergrund; ein Phänomen, welches ich persönlich als «Breakdown by Design» bezeichne – wenn der Breakdown gefühlt den Hauptbestandteil des Songs bildet oder der Song um ihn herum konstruiert wirkt. Ich tendiere dann persönlich dazu, die Songs als etwas generisch zu empfinden. Eine Meinung, über die man sich sicher streiten kann, aber ich hatte diesen Eindruck hier.

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Der Bühnencharakter der 2013 in Connecticut gegründeten Band war sehr roh und aggressiv, unterstrichen von gnadenlosem Schlagzeug-Gedresche und Headbanging in einem durchaus positiven Sinne. Als Fotograf musste ich wiederholt einen Schritt zur Seite machen, weil doch Kicks und Kabel sehr nahe an mir vorbeiflogen bzw. vorbeipeitschten.

Dem Publikum sagte der Act auf jeden Fall gänzlich zu. Zu fast tribal klingenden Drums wurde es zur Wall of Death aufgefordert. Dieser Aufforderung kam es nach, und die Meute fand sich daraufhin in einem im Vergleich zu vorhin zwar kleineren, aber dafür umso energetischeren Circle Pit ein. Im Crowdsurfing wurde der Tagesrekord gesetzt. Auffällig war aber, wie dies geschah. Die Leute wurden ca. aus der zweiten bis vierten Reihe vor dem Circle Pit über die Abschrankung gehievt. Dies war doch sehr belustigend zu beobachten, denn von Surfing konnte nicht wirklich die Rede sein. Auf die Frage hin, ob alle den Abend genossen: Tosender Applaus.

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Zwar funktionierte die Härte live wirklich gut, dennoch halte ich an meiner Wertung fest und empfand den Act persönlich als nicht schlecht, aber den musikalisch generischsten des Abends. Es stach für mich zu wenig heraus, um einen wirklich bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Setliste: «Skies Cast Amber Black» - «My Body Is a Cage» - «Is Survived By» - «Turning Hate Into Rage» - «Scars on a Soul» - «Bitter Ash, Bitter Love» - «I'd Rather Not Say» - «Only Endless» - «Easily Erased»

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We Came As Romans
Wer kennt sie nicht? Diese Urgesteine des Metalcores aus Michigan prägen die moderne Ausprägung des Genres seit 2005 massgeblich. Ausser Schlagzeuger David Puckett ist das Line-up seit Langem stabil. Ihre Musik ist sehr ikonisch, melodisch bis sogar fast hymnisch, mit hohem Mitsingpotenzial, und vermochte das inzwischen irgendwie noch deutlich zahlreichere Publikum voll zum Mitfiebern zu bewegen.

Ja, der Saal war bis zu den Türen gefüllt mit begeisterten Fans. Das Klima im Raum: heiss, stickig, wenig Luft. Aber dies interessierte keinen Menschen. Frontmann Dave Stephens’ Stimme ist so markant wie der Sound der Band selbst. Nur live realisiert man wirklich, wie definiert dieser Mann seine Höhen im Griff hat.

Insbesondere die Kontraste zwischen Clean-Gesang und brutalen, mit chirurgischer Präzision eingesetzten Growls gehen durch Mark und Knochen. Unglaublich, diese Stimme, die teilweise sogar feminin klingen kann, und was für eine umfassende Tonrange dieser Typ beherrscht. Andere Metalcore-Bands setzen hier oft auf zwei separate Vokalisten. Die Geschichte, wie es dazu kam, ist allerdings traurig: Der frühere Clean-Sänger und Keyboardist Kyle Pavone starb 2018 an einer Überdosis, weshalb Dave den Gesang inzwischen praktisch gänzlich abdeckt.

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An alle Kunsttreibenden appellierte der Sänger, ihre Träume zu verfolgen. Viele würden nicht scheitern, weil sie «es» nicht können, sondern weil sie viel zu früh aufgeben – aus Angst zu versagen. Diese Worte nutzte er, um in eine leidenschaftliche Darbietung des Songs «No Rest For The Dreamer» überzugehen. Zitat: "When my back's to the wall, I will conquer." Zudem bedankte er sich immer wieder mit einem scheuen «Dankeschön» bei seinen Zuschauern.

Der Auftritt der Band war musikalisch makellos und profitierte sicherlich von der langjährigen Erfahrung. Wirkte die Band am Anfang noch eher zurückhaltend im Auftritt, wachte sie im Laufe des Sets definitiv auf. Dennoch blieb die Bühnenperformance hinter den anderen Acts deutlich zurück.

Unter dem Publikum herrschte bereits Headliner-Stimmung. Man sang ständig mit, während etwa zwanzig Leute unerbittlich im vollen Saal in einem Mini-Pit moshten. Fast allen Aufrufen wurde Folge geleistet. «Black Hole» verleitete fast den ganzen Saal zum Springen. Krass, dass fast alle mitmachten. Nur auf dem Balkon blieb es etwas ruhiger.

Intime Momente wie etwa ein Happy Birthday des Publikums an Schlagzeuger David Puckett, der sich dazu durch die Menge tragen liess, rundeten den Act ab. Sicherlich spreche ich für viele aus dem Publikum, wenn ich sage, dass sich der Abend nur schon wegen We Came As Romans gelohnt hat.

Bury Tomorrow
Dadurch, dass We Came As Romans etwas überzogen hatten, war die Pause, die irgendwie dringend notwendig geworden war, um den Saal mal durchzulüften, zum letzten Set hin noch kürzer. Vermutete ich zuvor noch, dass We Came As Romans von der Qualität kaum noch zu schlagen wären, wurde ich sogleich vom Gegenteil überzeugt.

Bury Tomorrow legten gleich einen fulminanten Start hin und setzten nochmals einen obendrauf. Leidenschaftlicher, lauter, voller, intensiver, dunkler, härter. Ganz nach diesen Grundsätzen dominierten sie die Bühne ganze 75 Minuten lang. Wieder sticht der Gesangscharakter deutlich heraus. Faszinierend und brutal zugleich, wie viele Worte Frontmann Daniel Winter-Bates in ein teuflisch schnarrendes, schon fast blackened anmutendes Gewand verpackt und fünfzig Prozent der Zeit auf Knien, gefühlt mit letzten Kräften flehend, ins Publikum wirft.

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Nein, es handelt sich eben nicht nur um Growls, sondern um richtig schnarrige, "filthy" Vocals, die den Zuschauer in den Bann der Band ziehen. Es ist schlicht beeindruckend, wie viel stimmlichen Output Winter-Bates beinahe pausenlos liefert. Pausen gönnt er sich nur, wenn Tom Prendergast, der Clean-Vocalist neben dem Schlagzeug, wieder einmal einen kurzen Part im Clean-Gesang übernimmt.

Sicherlich ist auch der Metalcore von Bury Tomorrow näher am Deathcore dran als Ankor und We Came As Romans. Im Gegensatz zu Boundaries sind sie aber meiner Meinung nach einzigartig und authentisch und funktionieren musikalisch sowie vom Auftritt her richtig gut. Ja, auch ihre Songs sind rifflastig und jeder darauf folgende ist gefühlt härter als sein Vorgänger.

Aber trotzdem ist der Mix innerhalb der Songs zwischen Clean-Gesang und richtig heftig vorgetragenen Vocals sowie der musikalischen Begleitung so fein abgestimmt, dass hier keinerlei Vorbehalte meinerseits anzubringen sind: Sie sind klar der stärkste Act des Abends.

Massgeblich dazu beigetragen haben auch die Interaktionen des Frontmanns mit dem Publikum. Dieser nahm sich immer wieder die Zeit für direkte Ansprachen ans Publikum, welches er auch immer mal wieder eine Zeit lang musterte – mal humorvoll, mal sehr ernst. Greenfield sei das beste Festival der Welt und er könne es kaum erwarten, dort wieder einmal die Main Stage zu dominieren. Er drückte immer wieder seine tiefste Dankbarkeit gegenüber seinen Fans aus, sprach aber auch ernsthaftere Themen wie Inklusion in der Musikindustrie, Gleichberechtigung und mentale Gesundheit an.

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Letzteres liegt ihm offensichtlich sehr am Herzen, zumal er sich auch ausserhalb der Bühne dafür engagiert. Auffällig, dass dieses Thema in letzter Zeit von vielen Bands aufgegriffen wird. Auf seine Aufforderung hin nahm sich das Publikum gegenseitig in den Arm. Ein liebevoller Anblick, der in Erinnerung bleibt.

Ansonsten war es im Publikum alles andere als kuschelig, wenn man mal den Umstand ignoriert, dass der Saal wirklich pumpenvoll war. Es wurde gesungen, gemosht, applaudiert, einander auf den Schultern gesessen und gefeiert, was das Zeug hält – ganz nach dem Aufruf des Gitarristen: «Switzerland, kill each other!» Diese Energie liess zu keinem Zeitpunkt nach. Mit einem Blastbeat-Gewitter endete die Show dann abrupt und hinterliess mich mit einem «Wow!»-Gefühl.

Setliste: «Choke» - «LIFE (Paradise Denied)» - «DEATH (Ever Colder)» - «Cannibal» - «Boltcutter» - «Let Go» - «Villain Arc» - «What If I Burn» - «Waiting» - «The Grey (VIXI)» - «Heretic» - «The Age» - «Yokai» - «Black Flame» - «Abandon Us»

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Fazit
Nach drei Stunden Musik – die Sets dauerten 30, 30, 45 und 75 Minuten – bleibt ein sehr positives Gefühl zurück. Das Konzert hat sich mehr als nur gelohnt und auch wenn es drinnen zwischenzeitlich unglaublich stickig geworden war, hat die Show meiner Meinung nach vom tollen Ambiente des Kofmehls sehr profitiert. Das Publikum war altersmässig sehr gemischt. Von Kindern bis zu älteren Personen war alles mit dabei. Es stimmt also mitnichten, dass Metalcore vorwiegend eine gewisse Altersgruppe anspricht.

Persönlich fand ich auch die Zusammensetzung des Line-ups sehr gut. Alle Acts hatten einen gemeinsamen Nenner, unterschieden sich jedoch massgeblich in ihrer jeweiligen Ausprägung. Dies hatte zur Folge, dass der Abend vom ersten bis zum letzten Ton wirklich spannend und abwechslungsreich blieb. Nach all dieser Intensität war es eine reine Erfrischung, wieder die von Regen genässten Strassen Solothurns zu betreten und nun eine ruhige, staufreie Heimfahrt zu geniessen.


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