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17. Januar 2026, Seon - Konservi
Lukas R. & Photo-Credits: Fredy Gyger, May
Auf der Bühne standen Chris Ellis (Gesang, Akustik-Gitarre), Edis Mano (Gitarre, Backing-Vocals), Severin Graf (Bass), Nico Looser (Schlagzeug) und Lukas Bosshardt (Keyboards).
Es gibt Musiker, die einfach nur zusammen in einer Band live auf der Bühne spielen, und andere die es schaffen, über unsichtbare Kanäle zu kommunizieren und zu etwas zu verschmelzen, das weit grösser ist als die Summe ihrer Teile. Die Ellis Mano Band gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Dass die Ellis Mano Band 2025 rund die Hälfe ihrer Konzerte im Ausland spielte, spricht bereits für sich. Noch beeindruckender ist, dass sie dabei mehrfach als Support der britischen Ausnahme-Band Cardinal Black auftreten durften. Diese gelten mit Gitarrist Chris Buck – einem der gefragtesten jungen Gitarristen Europas – als eine der spannendsten Formationen im modernen Classic- und Soul-Rock und stehen für höchste musikalische Qualität sowie internationales Renommee. Hinzu kommen Auftritte an der Seite von Grössen wie Robert Cray und Deep Purple – Namen, die in der Rock-Geschichte Gewicht haben. In diesem Umfeld auftreten zu dürfen, ist nicht nur eine Ehre, sondern ein klares Qualitäts-Prädikat für die Ellis Mano Band.
Nach dem Konzert erzählte mir Edis Mano, wie intensiv die Band am neuen Album gearbeitet und auf der «Morph» Tour unzählige Shows gespielt habe. Mit jedem Auftritt sei die Formation enger zusammengewachsen – eine Einheit, die an diesem Abend deutlich spürbar war. Die Konservi Seon war erneut restlos ausverkauft, und vom ersten Moment an war klar, warum.
Die Band betrat gut gelaunt die Bühne und alle strahlten. Sie versprachen ein zweistündiges Set. Die meisten Zuschauer hatten die Band schon einmal gesehen und wussten ungefähr, was sie erwarten würde: nicht nur ein Abend mit Blues-Songs, sondern ein Anlass voller Geschichten, erzählt durch erstklassige Live Musik. «Whiskey» eröffnete die Show und Chris Ellis war von der ersten Sekunde an mit seiner einzigartigen, melancholischen Stimme voll und ganz präsent – eine Stimme, die sofort ins Ohr geht und sich tief im Inneren festsetzt. Doch es war der zweite Song, «For All I Care», der den Ton für den Rest des Abends angab.
Von diesem Moment an wurden die nächsten zwölf Songs zu einem Fest: episch in der Stimmung, voller Energie und geprägt von einer starken Verbindung zwischen Freunden. Während des gesamten Konzerts sahen sie sich ständig an und kommunizierten still miteinander – mit einer Ausnahme: Gitarren-Meister Edis. Er schien sich und das Publikum direkt in den Gitarren-Himmel zu führen. Mit geschlossenen Augen lieferte er sein immer wieder überraschendes, melodisches und mühelos cooles Spiel.

Einer dieser Momente kam während «Scars», als sein wunderschönes Solo den ganzen Raum zu Tränen rührte und spontanen Applaus auslöste. Im selben Song schüttete Chris mit seinem unglaublichen Gesang die Narben der Liebe aus – sanft, zerbrechlich, berührend, manchmal fast weinend, manchmal in rohe Schreie ausbrechend.
Dann übernahm Lukas, stellte das nächste Stück auf seiner Mac-Orgel vor und der Leslie-Lautsprecher verrichtete seine magische Wobbling-Arbeit, sodass die Tasten wunderbar episch klangen. Severins Basslinie setzte ein und holte uns zurück auf den Boden der Tatsachen, in das Reich des Blues und Rock. Nico am Schlagzeug schaffte es irgendwie, in diesem grandiosen musikalischen Sturm, der unsere Ohren die ganze Nacht lang verwöhnte, Ordnung und Struktur zu halten.
Es wurde immer deutlicher, dass dies kein gewöhnliches Konzert war. Die Band erlaubte sich mehr Improvisation als sonst, erkundete verschiedene Klänge und ging Risiken ein. Manchmal hatte man sogar das Gefühl, dass sie selbst überrascht waren von dem, was jedes einzelne Mitglied einbrachte. Ein kleines, stilles Grinsen war auf ihren Gesichtern zu sehen. In bestimmten Momenten spielten sie sich in Trance, und plötzlich sassen wir nicht mehr in Seon, sondern hoch oben im Himmel der Rock-Musik.

Chris stellte «Countdown To Nothing» mit tiefer Emotion vor und bezog den Text auf den Zustand der heutigen Welt. Bald sang er wieder aus vollem Herzen: "Sick and tired of this world tonight, the house on fire as we're all sleeping." Wie wahr und passend für die Jetzt-Zeit.
«Badwater» begann mit eine Collage aus Klängen. Zu diesem Zeitpunkt stand keine Blues-Band mehr auf der Bühne, sondern eine selbstbewusste Rock-Band, die fest im Jahr 2026 steht und einige der besten Musikstücke spielte, die man sich vorstellen kann. Es folgte eine epische, mehr als zehnminütige Reise, bei der jeder Musiker glänzte. Der Song wurde chaotisch, spacig, manchmal fast kakophonisch: rollende Trommeln, immer höher schreiende Gitarren, wild spielende Keyboards – und über allem Chris' einnehmende Stimme, die das ganze Durcheinander zusammenhielt. Chris "wundert" sich schmunzelnd, warum dieser Long-Song es nie ins Radio geschafft hat.
Dann kam der Moment, in dem Severin mit einem unglaublich coolen Bass-Solo ins Rampenlicht trat und erneut begeisterten Applaus erntete. Alle im Raum wussten, dass sie genau dort waren, wo sie sein wollten – am besten Ort überhaupt mit ihrer Lieblings-Band. Im Konservi, Seon herrschte wie immer bombastische Stimmung – begleitet von bestem Hauswein, köstlichen hausgemachten kulinarischen 3-Gänge Highlights, einem freundlichen und kompetenten Team sowie dem gewohnt herzlichen Empfang durch den Chef persönlich.
«20 Years» bot ein weiteres Beispiel für das immense Talent von Chris Ellis. Wir alle hingen an seinen Lippen und waren überwältigt von der Kraft seiner rauen Stimme. Geschmeidig wie Seide, voller Geschichten, Gesänge und Schreie, legte er seine Seele vor uns bloss und offenbarte alle Emotionen. Mit «Keep It Simple» gab es eine Premiere: Chris Ellis spielte ein Gitarren-Solo auf seiner Akustik-Gitarre. Und wieder einmal waren alle – Publikum und Band gleichermassen – hin und weg. Seine Stimme wie aus Legenden geboren kennen wir, aber darüber hinaus begeisterte er an diesem Abend mit einem innovativen und herzlichen Solo, das uns das beeindruckende Talent auf dieser Bühne eindrucksvoll vor Augen führte.
Es folgte «Ballroom», das eine weitere, manchmal übersehene Stärke der Band hervorhob: ihre bedeutungsvollen Texte. Der Song erzählt die Geschichte eines Menschen, der in einer Schleife aus langen Nächten und leerem Glamour gefangen ist. Langsam erkennt er, dass er nach Verbindung und einem Gefühl von ‘Zuhause’ sucht, das er noch nicht zu finden weiss. All das ist verpackt in einige der schönsten Melodien, die man sich vorstellen kann.
Mit «State Of Grace» kehrte der Rock mit voller Kraft zurück: Eine leicht an Deep Purple erinnernde Atmosphäre, Keyboards im Mittelpunkt und Nicos Precussions präsenter denn je. Mit «Bad News Blues» kehrten wir zu den Wurzeln zurück. Chris sang mit so viel Leidenschaft, dass man fast glauben konnte, der Herzschmerz in dem Song sei ihm persönlich widerfahren. Als er die Zeile "She burnt my Jimi Hendrix collection" sang, antwortete Edis mit einem kleinen Gitarren-Zitat im Hendrix-Stil, was Chris zum Lächeln brachte. Der Song steigerte sich zu einem kraftvollen Crescendo, getragen von dröhnenden Drums und Gitarren-Klängen, für die man sterben könnte.
«The Question» war der letzte offizielle Song des Sets, bevor die Band die Bühne verliess – nur um wenige Augenblicke später zurückzukehren. Sie waren sichtlich glücklich und bewegt von einem Abend, an dem Band und Publikum wirklich eins geworden waren. Alle wussten, dass dies ein besonderes Konzert gewesen war, und zwar eines, das man nicht vergessen würde.
Während des Konzerts äusserte Chris Ellis den Wunsch, das epische «Badwater» einmal in der Live-Longversion im Radio zu hören. Wir von Metal Factory machen Träume gern zur Wirklichkeit – und so kann ich hiermit bestätigen, dass genau dieser Song und noch ein zweiter am Sonntag, den 08.02.2026 im Radio RaBe im Blues-Programm „Best Blues“ zwischen 15:00 und 16:00 Uhr gespielt wird. Nach zwei Zugaben – «Goodbye My Love» und einer epischen Version von «A Lifetime» – gab es Standing Ovations, die den Abend perfekt ausklingen liessen.
Setliste: «Whiskey» - «For All I Care» - «Only With You» - «Scars» - «Countdown To Nothing» - «Badwater» - «20 Years» - «Keep It Simple» - «Ballroom» - «State Of Grace» - «Bad News Blues» - «The Question» -- «Goodbye My Love» - «A Lifetime»