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Mit dem Ausstieg von Mitbegründer und Clean-Vocalist Ahren Stringer stand eine Frage über allem: Können THE AMITY AFFLICTION noch The Amity Affliction sein? Ihr zehntes Album «House Of Cards» gibt darauf keine eindeutige Antwort – aber eine interessante.
Als Nachfolger stösst Jonathan Reeves ein, bekannt durch seine Arbeit bei Kingdom Of Giants. Die Fangemeinde reagierte gespalten: Die einen sahen im Abgang Stringers das Ende einer Ära, die anderen eine überfällige Chance zur Erneuerung. «House Of Cards» bedient beide Lager – aber nicht zu gleichen Teilen. Stilistisch knüpft das Album an die letzten beiden Vorgänger an, dreht die Aggression jedoch spürbar auf. Harsh-Vocalist Joel Birch steht diesmal klar im Zentrum: Seine Screams dominieren den Grossteil der Platte, während Reeves’ Clean Vocals bewusst zurückhaltend eingesetzt werden – meist als Brücke zwischen Härte und melodischen Refrains, selten als gleichwertiges Gegengewicht.
Genau darin liegt die grösste Verschiebung gegenüber früheren Werken: Wo Stringer und Birch eine emotionale Dualität entwickelten, arbeiten Birch und Reeves eher nacheinander als miteinander. Das klingt schärfer – aber auch weniger vielschichtig. Diese neue Härte entfaltet auf Tracks wie «Kickboxer», «Bleed» oder «Eternal War» ihre volle Wirkung und fällt deutlich kompromissloser aus als alles, was die Band bisher veröffentlicht hat. Gleichzeitig zeigt «Afterlife», dass The Amity Affliction melodische Zugänglichkeit nicht verlernt haben – einer der eingängigsten Momente des Albums und ein willkommener Kontrapunkt. Thematisch bewegen sich die Songs im vertrauten Territorium: Sucht, Depression, emotionale Isolation.
Die Texte wirken dabei weniger wie verarbeitete Reflexion, sondern wie direkte Traumabewältigung – roh, unmittelbar, ohne Distanz. Schwächer ist die erste Albumhälfte, wo sich ähnliche Songstrukturen häufen und die thematische Dichte stellenweise zur Monotonie kippt. Die zweite Hälfte gewinnt an Dynamik und zeigt, wohin die Reise gehen könnte. Mit «House Of Cards» hat die Band keinen perfekten Neustart – aber einen ehrlichen. The Amity Affliction stehen an einem Wendepunkt und dieses Album klingt genau so: rauer, entschlossener, noch nicht ganz angekommen. Ob das der Beginn einer neuen Ära ist oder der erste Riss im Fundament, wird sich zeigen.
Stéphanie P.