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Samstag, 07 Februar 2026 21:54

Wishbone Ash in Pratteln Empfehlung

07. Februar 2026, Pratteln – Z7
By Lukas R.

Zwei Gitarren. Eine Gibson Flying V, die durch die Luft schneidet. Gesprächige Leads, die nicht miteinander konkurrieren, sondern sich miteinander verflechten. Dieser von Wishbone Ash "erfundene" Sound legte den Grundstein für die melodische Twin-Gitarren-Tradition, die später von Thin Lizzy, Iron Maiden, Judas Priest und vielen anderen weitergeführt wurde. Er ist britisch, unverkennbar britisch, aber niemals in Blues-Klischees gefangen.

Und ja, es war wieder einmal Andy Powell mit seiner legendären Flying V, der zusammen mit seinen Mannen die mir so liebe Halle des Z7 beehrte. Es war nicht ihr erster Besuch - und hoffentlich auch nicht ihr letzter. Neunzig Minuten lang bereicherten Wishbone Ash das Leben von rund 400 Fans mit elegantem wie zeitlosem "Gentle Rock".

Das Publikum bestand überwiegend aus der Generation der 60er- und 70er-Jahre. In der ersten Reihe standen jedoch auch zwei junge Leute: beide mit Frisuren à la Phil Lynott, und der eine zudem in einem Vintage-Pink-Floyd-T-Shirt, was weniger nach einer Generationen-Frage aussah, als nach einer bewussten Liebe zur Musik der Siebziger. Auch die Band selbst hat sich erneuert. Am Merchandise-Stand erklärte Laura, die Frau des Bassisten Bob Skeat, die aktuelle Besetzung. Dazu gehört der Schlagzeuger Windsor McGilvray aus Schottland, der erst kürzlich zur Band gestossen ist. Die Chemie zwischen den Bandmitgliedern fühlte sich jedoch alles andere als neu an.

Andy Powell und der punkige Mark Abrahams (visuell könnte er gut als der Sohn von Johnny Rotten durchgehen) eröffneten den Abend instrumental mit «Bona Fide» und gaben damit sofort den Ton für die folgenden vierzehn Songs vor. Die nächsten zwei Songs waren eher sanft, fast wie bei Crosby, Stills & Nash mit ihrem mehrstimmigen Gesang, doch schon beim vierten Track hatten sie einen Meilenstein erreicht: «The King Will Come».

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Nachdem ich diesen Song hundertfach gehört hatte – er war sogar mein meistgespielter Spotify-Track des Jahres 2025 – hatte ich gespannt auf sein heutige Live-Version gewartet. Die Band lieferte eine starke Version, die mir allerdings etwas zu prägnant war und der es an ekstatischer Ausdehnung ein wenig fehlte und vor allem viel zu kurz war; der König hätte meiner Meinung nach gerne doppelt so lange zelebriert werden können.

Von da an wurde die Show immer ekstatischer und engagierter. Rocker, coole Midtempo-Grooves, sanfte, langsame Passagen – Wishbone Ash können alles. Ihre Gitarren-Arbeit ist subtil virtuos, ohne auf Geschwindigkeit oder schreiende und hohe Töne zu setzen. Das ist weder Satriani- noch Clapton-Territorium, sondern erinnert eher an Frampton oder Knopfler: melodisch, geschmackvoll, immer wieder überraschend und oft tanzbar. Wenn es dafür einen Ausdruck gibt, dann ist es "britische Coolness".

Andy Powells Stimme ist nach wie vor in ausgezeichneter Form, und klanglich war dieser Mix etwas vom Besten, was ich je im Z7 gehört habe. Jedes Instrument war klar und deutlich zu hören. Nach der Show bin ich zum Mischpult gegangen, um dem Tontechniker persönlich für seine wirklich hervorragende Arbeit zu danken.

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Andy unterhielt sich herzlich mit dem Publikum und scherzte, dass die Schweizer zurückhaltender als andere seien, aber auch besonders liebenswert. Er drückte seine Dankbarkeit dafür aus, dass er immer noch vor so treuen Fans spielen darf. Er wechselte zwischen Flying Vs und übernahm die Lead-Stimme, überliess aber die meiste solo Gitarren-Arbeit Mark Abrahams, der den ganzen Abend über glänzte und begeisterte. Auch Bassist Bob Skeat hatte seinen Moment mit einem kurzen, aber geschmackvollen Solo.

Ein kollektiver Schauer durchlief das Publikum, als Andy Songs aus «Argus» ankündigte. Bemerkenswert war, dass diese Musik, die fast fünfzig Jahre alt ist, absolut zeitlos klang, als wäre sie erst gestern geschrieben worden. Das Publikum wurde immer lebhafter, sang mit und war sichtlich bewegt. Dann kam der Moment, auf den viele gewartet hatten. Andy kündigte den "Longtrack" des Abends an. Es gab keinen Zweifel: «Phoenix». Dieser Song vereint alles, was Wishbone Ash zu einer so bemerkenswerten Band macht – eine Truppe die seit 1969 nicht nur überlebt, sondern auch immer wieder überrascht und begeistert. Perlende Gitarren, ausufernde Soli, tribale Trommeln, kraftvolle Basslinien und eine wunderschöne, beinahe hippiehafte Melodie, die Andy Powell mit Anmut und viel Herzblut sang. Ständige Rhythmus-Wechsel, von donnernden Passagen hin zu sanftesten Gitarren-Klängen, bei denen man das Publikum den Atem anhalten hören konnte, bis schliesslich die Trommeln zurückkehrten und wie ein Hagelsturm auf Glas krachten.

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Es ist die Art von Song, von der man sich wünscht, dass sie niemals endet. Doch nach fast zwanzig Minuten fand auch diese monumentale Reise ihr Ende. Das Publikum stand bereits – und doch war es einer jener Momente, in denen man spürt: Selbst Stühle hätten niemanden halten können. Um mich herum sah ich Tränen der Freude, vor allem bei den Damen. Ich sah Paare die sich umarmten und sich vielleicht daran erinnerten, wie «Phoenix» zum ersten Mal eine Rolle in ihrem Leben gespielt hatte. Sie waren dankbar, diesen Moment im Jahr 2026 noch einmal erleben zu dürfen. Diese Musik ist keineswegs nur nostalgisch oder melancholisch. Die aktuelle Besetzung spielt alte und neue Stücke mit gleicher Überzeugung. Ihr jüngstes Studio-Album aus dem Jahr 2020 erreichte sogar Platz #26 in den Schweizer Album-Charts - ein Beweis dafür, dass es sich nicht um Museums-Stücke handelt, sondern um lebendige, atmende Songs.

Nach der Show mischte sich die Band - mit Ausnahme von Andy - unter das Publikum. Es war ein Vergnügen, mit den Protagonisten des Abends zu plaudern. Mark lachte über Tour-Müdigkeit, die bevorstehenden Termine in Deutschland und sein dringendes Bedürfnis nach einem Bier (und seine völlige Unvertrautheit mit dem Trinken von Schweizer Milch). Bob half mir freundlicherweise dabei, Autogramme auf meiner Vinylplatte «Live Dates Live 1973–2023» zu organisieren, darunter auch das von Andy. Der junge Windsor erzählte Geschichten darüber, wie er seine ehemaligen Helden nun als Freunde bezeichnet: Debbie Harry, Mick Box und sogar Bob Dylan, dessen T-Shirt er stolz trug.

Letztendlich war es einfach ein grossartiges Konzert - voller Wärme, Klasse und positiver Energie. Und als 400 glückliche Fans mit einem breiten Lächeln nach Hause fuhren, war eines sicher: Solange Wishbone Ash noch solche Konzerte spielen, ist die Musikwelt nach wie vor in Ordnung.

Setliste: «Bona Fide» - «Blowin’ Free» - «Enigma» - «The King Will Come» - «Warrior» - «Throw Down the Sword» - «Errors of My Way» - «F.U.B.B.» - «Mountainside» - «You Rescue Me» - «Living Proof» - «Phoenix» und den Encores «Jailbait / Peace»

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