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Wie ich unseren Cheffe dazu bringen konnte, mir ausgerechnet diese Scheibe von EYE OF MELIAN zur Review zu geben, werden sich einige Schwermetaller wohl fragen. Ich könnte nun argumentieren, dass hier Leute aus dem Delain-Umfeld mitwirken, dass es sogar ein Cover von Bruce Dickinson (Iron Maiden) gibt, dass ein starker Teil des Projekts aus Finnland kommt (zumindest die Stimme und die orchestrale Handschrift), dass es bei Napalm erscheint - und dass sich das Ganze thematisch um eine nahezu göttergleiche Gestalt aus Tolkiens Legendarium dreht: Melian, die Maia.
Eye Of Melians «Forest Of Forgetting» ist weniger ein "Album" im herkömmlichen Rock-Sinne, sondern vielmehr ein sorgfältig beleuchteter Pfad. Von den ersten Tönen an wirkt es wie Filmmusik, die ihre Bilder verloren hat und nun die Zuhörer auffordert, diese zu ergänzen: eine sternenlose Weite, Schnee, der die Welt dämpft, eine Küstenlinie, an der die Karte endet. Martijn Westerholts Kompositionen tendierten schon immer zum Filmischen, aber hier geht er voll und ganz darauf ein: Eleganz in Moll, weitläufige Orchester-Bögen und Melodien, die eher dafür geschaffen zu sein scheinen, im geistigen Auge zu erblühen, als in einem Moshpit.
Was «Forest Of Forgetting» in der überfüllten Welt der symphonischen und fantasieorientierten Musik auszeichnet, ist die bewusste Entscheidung für "Verzauberung" statt Spektakel. Die von Mikko P. Mustonens klassischem Instinkt geprägten Arrangements stapeln nicht einfach Streicher auf Akkorde, sondern atmen, drehen sich und schimmern mit der Geduld einer nachts erzählten Geschichte. Selbst wenn die Musik anschwillt, wird sie selten bombastisch. Sie bevorzugt den langsamen Zauber: Klaviermotive, die an Schritte auf einer Laubdecke erinnern, chorähnliche Harmonien, die wie Nebel durch die Äste ziehen, und Instrumentalfarben, die eher an "mythische Wälder" als an "Arena-Metal" erinnern.
Johanna Kurkela ist das wirkungsvollste Element des Albums, wenn es darum geht, eine Welt zu erschaffen. Ihre Stimme dominiert diese Songs nicht, sondern durchzieht sie wie ein Geist – mal schwebend, mal flüsternd direkt am Ohr, immer mit dieser an Auri erinnernden Fähigkeit, einen Text wie einen erinnerten Traum wirken zu lassen. Wenn sie einen Hauch von Finnisch in die Textur einfliessen lässt, dann ist das keine Spielerei, sondern es verstärkt die nordische Atmosphäre des Albums. Zudem ist es eine wunderschöne Anspielung auf Tolkiens eigene Faszination für Finnisch als Inspirationsquelle für seine Elben-Sprachen.
Und Tolkien ist hier das wahre Gravitations-Zentrum - nicht als Name, sondern als Sensibilität. Eye Of Melian orientiert sich an der Darstellung der Maya Melian im "Silmarillion": weise, uralt und "geschickt in verzaubernden Liedern". Dieses Album strebt denselben Effekt an: Musik als schützender Schleier, als veränderte Wahrnehmung. Titel wie «Of Willows and Shadows» und «The Mirror» fühlen sich an, als würde man in der Nähe der unsichtbaren Grenze von Doriath umherwandern. Je tiefer man vordringt, desto mehr verschwimmt die Realität an den Rändern.
«Dawn Of Avatars», bei dem Troy Donockley und Patty Gurdy als Gäste mitwirken, fügt folkloristische Details hinzu, ohne den Zauber zu brechen. Das Bruce-Dickinson-Cover «Tears Of The Dragon» ist der einzige Moment, der das Risiko eingeht, den Wald zu verlassen, doch selbst das wird als Mythos neu interpretiert und erhält eine weichere, märchenhafte Schwere (wobei nie so gut wie das epische Original). Lohnt sich der Kauf? Wenn Ihr Riffs und Aggression sucht, wahrscheinlich nicht.
Wenn Ihr Euch jedoch nach symphonischer Musik sehnt, die sich wie Tolkiens "Faërie" verhält – nicht als Eskapismus, sondern als Transformation – dann ist «Forest Of Forgetting» ein immersiver Zufluchtsort, den Du wohl immer wieder neu entdecken kannst. Am Ende ist diese Musik vielleicht genau das, was auch geschah, als Thingol im Wald erstmals Melian erblickte: Zwei Wesen, die sich so lange anschauten, bis die Welt draussen - Reiche, Politik und Sorgen - einfach weiterzog ohne sie. Valentinstag (ich schreibe diesen Text am 14.02.26) in seiner ältesten Form: nicht Besitz, sondern stilles Verweilen im gleichen Augenblick.
Lukas R.