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Nach 17 Jahren kehren Poison The Well mit ihrem sechsten Studioalbum «Peace In Place» zurück – und das mit einem Selbstverständnis, das man ihnen nach so langer Pause nicht unbedingt erwartet hätte.
Die Metalcore-Band aus Miami formierte sich Ende der Neunziger und veröffentlichte 1999 mit «The Opposite of December» ein Debüt, das innerhalb kürzester Zeit Kultstatus erlangte. Neben Bands wie Deftones prägten sie die Ästhetik einer ganzen Ära, bevor ein erschöpftes Jahrzehnt intensiven Tourens und ein sich wandelndes Szenenklima die Albumproduktion schliesslich zum Stillstand brachten.
Den Auslöser für die Rückkehr lieferte das 25-Jahre-Jubiläumskonzert zu «The Opposite of December»: Die Resonanz war überwältigend. Eine neue Welle Bands mit ähnlichem Stil, wachsende Nostalgie und ein breit wahrgenommenes Metalcore-Revival signalisierten der Band, dass ihr Sound noch immer zieht. Die Ankündigung des neuen Albums stiess entsprechend auf grosse Begeisterung.
Die Kernbesetzung wird auf «Peace In Place» durch Bassist Noah Harmon und Gitarrist Vadim Taver ergänzt. Produziert hat das Album Grammy-Träger Will Putney – und seine Handschrift überrascht: Putney verzichtet bewusst auf übermässige Glättung. Das Ergebnis klingt roh und ungefiltert. Die 2000er-Ästhetik bleibt spürbar, ohne dass der Klang in Retro-Nostalgie versinkt. Modernität und Identität schliessen sich hier nicht aus.
Inhaltlich dreht sich das Album um den Perspektivenwechsel, den Sänger Jeffrey Moreira in den vergangenen Jahren durchgemacht hat: die Zerbrechlichkeit von Beziehungen – in Freundschaften ebenso wie in der Liebe, der Verlust, das Loslassen. «Peace In Place» ist kein Konzeptalbum, doch zwischen persönlichen Verlusterfahrungen und der Suche nach innerem Frieden zieht sich ein deutlich erkennbarer Faden. Moreiras Texte sind dabei weniger abstrakt als auf früheren Werken – direkter, zugänglicher, bildstärker.
Poison The Well bleiben sich konsequent treu und heben sich damit bewusst vom polierten Mainstream-Sound ab. Wer Risikobereitschaft oder stilistische Weiterentwicklung erwartet, wird nicht vollständig bedient. Für Neueinsteiger ist «Peace In Place» zudem kein idealer Einstiegspunkt – der Sound setzt ein gewisses Vorverständnis voraus.
Langjährige Fans hingegen werden das Album als stimmige Rückkehr erleben: authentisch, emotional direkt und tief in der DNA der Band verwurzelt. Die grösste Stärke dieses Comebacks liegt vielleicht gerade darin, dass Poison The Well gar nicht erst versuchen, etwas anderes zu sein – und dabei trotzdem relevant bleiben.
Stéphanie P.