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Dieser arktische Kälteeinbruch, der uns derzeit (Januar 5, 2026) fest im Griff hat, fühlt sich an wie ein greifbarer Ausdruck der Musik auf «Zerfall»: eine arktische Polarfaust, die alles offenlegt, verstummen lässt und gerade dadurch die schaurig-schöne Klarheit der Melancholie erst ermöglicht.
ELLENDE werden seit Langem mit dem seelenschürfenden Flügel des Black Metal in Verbindung gebracht. Die Band strebt mit ihrem siebten Album eine Erweiterung ihrer musikalischen Emotionalität an. «Zerfall» tauscht nicht einfach Geschwindigkeit gegen Atmosphäre ein, sondern inszeniert einen Dialog zwischen Bruch und Reflexion. Das Album beginnt mit «Nur», einem reduzierten Instrumental-Stück, das wirkt, als würde die Morgendämmerung über einem winterlichen Bergrücken hereinbrechen: ruhig, spröde und eher auf einen weiten Raum anspielend, als ihn auszufüllen. Es ist kein Räuspern, sondern eine These: Schmerz braucht Kontrast, um spürbar zu sein.
Wenn «Wahrheit Teil I» einsetzt, bringt es vertraute Elemente der Intensität mit sich: schnelle Tremolo-Picking-Figuren und blastgetriebene Percussion. Doch die Band gibt sich nicht mit einem linearen Angriff zufrieden. In der Mitte des Tracks verwandeln sich melodische Motive in unerwartete akustische Klangfarben und bieten einen menschlichen Puls unter der Kälte. Auf dem gesamten Album sind die Gitarren oft in zwei emotionale Temperaturen geschichtet: eine scharfkantig und eisig, die andere wärmer, anhaltend und harmonisch. Diese Dualität schafft ein Hörerlebnis, das sich dimensioniert statt verzerrt anfühlt.
Die Drums sind auf dem gesamten Album von zentraler Bedeutung für dessen Identität. Sie sorgen für Schwung, ohne klaustrophobisch zu wirken, treiben das Album voran und lassen gleichzeitig bewusst Pausen und Ambient-Klänge entstehen. Die Rhythmusgruppe wirkt wie die Gravitationskonstante des Albums und gibt Riccardo Poddas Gitarre die Freiheit, sich in postrockähnliche Passagen zu entfalten, ohne den Halt zu verlieren. In diesem Zusammenspiel geht Zerfall über eine blosse Fusion hinaus und wird zu einer Geschichte klanglicher Abhängigkeit: Jede Eruption verdankt ihre Grösse dem, was ihr vorausging.
Gastbeiträge, wie die Violine und ein einzelnes Gitarrensolo, werden sparsam, aber durchaus passend eingesetzt. Sie dienen als emotionale Wegpunkte und verstärken die Erzählung, ohne sie zu überladen. Die Produktion bleibt bewusst organisch: Der Klang atmet, pulsiert und zerfasert gelegentlich an den Rändern auf eine Weise, die sich lebendig und beabsichtigt anfühlt – nicht klinisch.
Für Zuhörerinnen und Zuhörer, die immersive, melancholische Heavy-Musik schätzen, die Geduld und wiederholtes Hören belohnt, ist «Zerfall» ein tolles Erlebnis. Es lohnt sich, es anzuhören, nicht weil es am lautesten schreit, sondern weil er am längsten nachhallt. Die Texte spannen einen fragilen Bogen zwischen innerer Erosion und Selbstwiederentdeckung. Sie führen von persönlicher Verzweiflung zu einer fast mystischen Auflösung des Selbst, in der Identität nicht wieder aufgebaut, sondern aufgelöst und neu erfunden wird.
Themen wie Natur, Isolation und emotionale Entwurzelung werden tiefgreifend behandelt, doch sie tragen die stille Überzeugung in sich, dass sich die Transformation - so furchterregend sie auch sein mag - eines Tages leichter anfühlen könnte. Das Album endet mit der geflüsterten Erkenntnis, dass Nichts und Einheit keine Gegensätze sind, sondern der endgültige Treffpunkt jeder persönlichen Krise. Ellende spielen am 10. Januar am Meh Suff! Festival in Zürich. Nicht verpassen!
Lukas R.