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JAYLER kommen mit «Voices Unheard» und tragen dabei die Last, die jede junge Classic Rock Band mit sich bringt: die unvermeidlichen Vergleiche mit Led Zeppelin. Die Reaktionen der Presse haben das bereits deutlich gemacht – eine Rezension schlug sogar vor, Zep-Fans könnten dieses Album blind kaufen. Und ja, die DNA lässt sich unmöglich ignorieren. Aber diese jungen Briten auf blosse Nachahmer zu reduzieren, geht völlig am Kern der Sache vorbei.
Viele von uns sahen frühe Clips und wurden sofort hellhörig: Da war etwas seltsam Vertrautes und doch ebenso Frisches. Normalerweise vermeide ich das Wort "Retro", da es oft Musik impliziert, die in der Vergangenheit gefangen ist. Jayler machen jedoch etwas anderes. Das ist Musik, die in Klängen verwurzelt ist, die wir bereits lieben, die aber mit genug Dringlichkeit und jugendlicher Energie dargeboten wird, um sich auch im Jahr 2026 noch relevant anzufühlen.
Das Album beginnt mit einer Mundharmonika, dann ruft Frontmann James Bartholomew ein begeistertes "Alright!" und mit Down Below wird die Tür eingetreten. Plötzlich sind die angesprochenen Geister von Led Zeppelin, Kingdom Come, Greta Van Fleet und Wolfmother in den Raum eingeladen. James' Stimme wirkt für sein Alter fast unmöglich reif: rau, bluesgetränkt und voller Selbstbewusstsein.
«Riverboat Queen» setzt den groovigen Angriff fort, während «Need Your Love» ursprüngliche Anziehungskraft in eine weitere zukünftige Live-Hymne verwandelt. Tyler Arrowsmiths Gitarrenspiel hebt die Songs immer wieder über einfachen Retro-Rock hinaus. Mit «The Get Away» landen er und Bartholomew einen Volltreffer. Weniger Blues, mehr epische Rockhymne – und vielleicht der erste Moment, in dem Jayer wirklich wie eine Band klingen, die für grössere Bühnen bestimmt ist.
Das akustische «Bittersweet» wechselt wunderschön die Gangart und könnte fast von «Led Zeppelin III» stammen. Spätere Tracks wie «Hates To See It End» und «Over The Mountain» wirken wie gemacht für die Mitmach-Stimmung im Publikum: Sie sind einfach, unmittelbar und laden zum Mitsingen ein.
Der ambitionierteste Moment des Albums ist vielleicht «Alectrona, das sich aus einem selbstbewussten Groove zu etwas unerwartet Grossartigem und Mythischem steigert. Passenderweise bezieht sich der Titel wahrscheinlich auf die griechische Morgenröte-Figur Alectrona – und tatsächlich ist hier ein Gefühl des Erwachens zu spüren. Bass und Schlagzeug verschwinden gelegentlich unter der Dominanz von James' Gesang und Tylers Gitarrenfeuerwerk. Dennoch ist «Voices Unheard» erfolgreich, weil es eine oft vergessene Wahrheit versteht: Rock'n'Roll ist keine Archäologie. Er ist Elektrizität. Und bei Jayler fliesst eindeutig Strom durch die Adern.
Live wirken Jayler weniger wie eine sorgfältig ausgefeilte Modern-Rock-Band, sondern eher wie eine junge Truppe, die entschlossen ist, die gefährliche, schweisstreibende Club-Energie des Rocks der frühen 70er Jahre wieder aufleben zu lassen. Ihre Konzerte werden immer wieder als hochspannende Erlebnisse beschrieben, die von James Bartholomews imposantem theatralisch bluesigen Gesang, schwungvollen Blues-Rock-Riffs und ausgedehnten Jams getragen werden. Diese gehen weit über einfache, Note-für-Note-getreue Album-Wiedergaben hinaus. Mundharmonika-Passagen, Improvisationen und Einflüsse aus der alten Schule verstärken den "Rocklegenden" zusätzlich, während das Alter der Band ihr Selbstbewusstsein auf der Bühne umso auffälliger macht.
Offene Hemden, Bewegung und eine durch und durch 70er-Jahre-Ästhetik runden das Bild ab. Manche haben sie scherzhaft als "Greta Van Fleet, nur besser" bezeichnet, während andere anmerken, dass Jayler noch auf der Suche nach einer Identität sind, die sich vollständig von ihren Zeppelin-Einflüssen löst. So oder so bietet sich dem Schweizer Publikum bald die perfekte Gelegenheit, sich selbst ein Urteil zu bilden: Am 16. Oktober 2026 wird die Band im Hallenstadion in Zürich als Vorband von Deep Purple auftreten – und wenn ihr Ruf stimmt, könnte es ein Fehler sein, zu spät zu kommen.
Lukas R.